Abschied und Neuanfang

Noch einmal durch alle Räume gehen. Noch einmal aus dem Fenster schauen, in den Garten. Noch einmal mit der Hand über den Tisch streichen. Noch einen Blick ins Schlafzimmer werfen, in dem ich jetzt auch ohne Licht meinen Weg finden würde.

Der Urlaub ist zu Ende. Eine Woche waren wir hier zu Hause. Jetzt ist der Rucksack wieder gepackt. Die Krümel haben wir vom Küchenfußboden gekehrt, die Asche aus dem Kamin entfernt, die Teppiche im Bad ausgeschüttelt. Auf der Schwelle stehe ich, den Türgriff in der Hand, und atme noch einmal den Geruch. – Dann ziehe ich die Tür zu. Gleich geht der Bus.

Wie nehmen Sie Abschied von einem Menschen, einem Ort, von einem Jahr?

Ignatius von Loyola (1491-1556) empfiehlt, von jedem Tag bewusst Abschied zu nehmen. Seine fünf Schritte helfen dabei, das Gewesene anzuschauen, zu würdigen, zu verabschieden und den Blick zu öffnen, für das, was kommen wird.

Zunächst geht es darum, mir einen guten Ort zu suchen, an dem ich ungestört still werden kann. Während der Atem kommt und geht, lasse ich alles los, was mich umtreibt. Es darf in einer Stunde wieder wichtig sein. Ich lasse die Anspannung in meinen Händen und Schultern, in meinem Gesicht los, um einfach da zu sein.

Nun bitte ich Gott, mit mir gemeinsam auf das zu schauen, was gewesen ist. Dabei betont Ignatius, dass Gottes Blick liebevoll ist, nicht urteilend. Diese Zweisamkeit öffnet einen Raum, in dem alles Platz haben kann, was gewesen ist.

So lasse ich das Jahr an mir vorüberziehen, und verweile bei dem, was mich bewegt. Mit den Erinnerungen steigen Bilder und Gefühle auf. Manches macht mich froh und lockt ein Lächeln auf mein Gesicht. Ich koste noch einmal von dem Glück. Anderes beunruhigt mich noch immer. Da ist etwas offen geblieben und schmerzt. Ich schaue an was war, und lasse, was ich angeschaut habe, wieder los.

Ich danke für alles, was gut war. Dabei spüre ich, wie die Dankbarkeit mein Herz weit werden lässt und mich durchströmt. Für das offen Gebliebene, bitte ich Gott um Heilung. Wo ich Schuld auf mich geladen habe, bitte ich um Vergebung.

So verabschiede ich mich von dem vergangenen Jahr.

Zuletzt wende ich mich dem zu, was vor mir liegt. Was ich vor habe, und was mich bewegt, wenn ich an die kommende Zeit denke – all das vertraue ich Gott an.

Gott möge den Abschied und den Neuanfang segnen.

Ulrike Franke, Krankenhausseelsorgerin am Klinikum Sankt Georg

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