Allein Gott die Ehre

Wo sonst kann man das erleben, was in Leipzig besonders während des gestern eröffneten Bachfests möglich ist? Die originale Musik am originalen Ort zu hören, aufgeführt durch den originalen Klangkörper im originalen Format? Viele Menschen kommen jedes Jahr aus aller Welt, um an den Wirkungsstätten Johann Sebastian Bachs seine Musik zu hören. Mehr als die Hälfte der im Programm des Bachfests zu findenden Veranstaltungen sind dabei frei oder für zwei oder drei Euro Eintritt zugänglich. Es ist gerade kein Fest nur für die oberen Zehntausend! Und genau das kann nur in Bachs Sinne sein. Er schrieb unter seine Werke immer die Worte „Soli Deo Gloria“ – „Allein Gott die Ehre“. Mit seiner Musik wollte er Menschen aufrichten, trösten und ihnen die biblische Botschaft in ihrer Aktualität auslegen und nahebringen.

In der Thomaskirche hören wir jede Woche in den Motetten des Thomanerchores, dass seine Musik sich nicht abnutzt, sondern immer aktuell ist, gerade auch in ihrem Bezug zu unseren menschlichen Problemen und unserem Verhältnis zu Gott. Gläubige, Nicht-Gläubige, Suchende – alle vereinen sich für die Dauer einer Kantate oder Motette zu einer Gemeinde von Hörenden und dankbar Empfangenden. Diese Erfahrung verdichtet sich im Bachfest noch einmal in besonderer Weise. Es hat etwas Pfingstliches: Menschen aus allen Völkern unter dem Himmel kommen zusammen und erleben, was sie verbindet über alle Unterschiede hinweg. Nicht wenige kommen daher jedes Jahr wieder, viele Freundschaften sind schon entstanden und werden während des Bachfests gepflegt.
So vermag Bachs Musik etwas, was unsere Welt im Moment vielleicht mit am dringendsten braucht: Sie verbindet Menschen miteinander. Es ist einfacher, das selbst zu erleben, als es mit Worten zu beschreiben. Kommen Sie doch einfach mal vorbei und überzeugen sich selbst, z.B. zum Gottesdienst am Sonntag auf dem Marktplatz, wo Sie eine Kantate unter freiem Himmel erleben können.

Es wäre schade, wenn für das Bach-Fest das berühmte Wort Jesu gelten würde: „Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause“. Leipzig hat mit seinem Bach-Fest etwas Einmaliges in der Welt, das gerade in dieser Form viele gerne hätten. Feiern Sie mit!

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche

Foto: Kirchenbezirk Leipzig