Anderen helfen – „Old School“ wie der Heilige Martin?

„Old School“ sagt meine Tochter. Sie steht in der Küchentür und hält mir eine Laterne entgegen. „Die habe ich vorgestern mit Deiner Enkelin gebastelt.“ „Für den Martinstag?“ frage ich. „Ja.“ bestätigt sie mir. „Und mit einer echten Kerze drin, damit uns ein Licht aufgeht!“

Der Martinstag wird  in vielen Städten und Gemeinden in guter Tradition gefeiert. Auch in Leipzig hören die Kinder mit ihren Laternen vom Heiligen Martin. Die Geschichte des Bischofs von Tours bewegt viele Herzen bis heute. Seinetwegen wurde der 11. November zum Namenstag für alle, die Martin heißen. Verschiedene Geschichten erzählen, dass ihm das Wohl seiner Mitmenschen überaus wichtig war. Die mit dem Bettler, mit dem er seinen Militärmantel geteilt hat, ist nur eine unter anderen.

Heute würden wir jemanden, der so selbstlos handelt, vielleicht als „Gutmensch“ betiteln.
Als Tansania-Referent im Leipziger Missionswerk betreue ich unter anderem Partnerschaften in das Land in Ost-Afrika. Ich glaube, ich habe es oft mit solchen Gutmenschen zu tun. Viele von ihnen würden  diesen Titel natürlich nicht haben wollen. Es ist ihnen ein Bedürfnis, von ihren Gaben und Begabungen etwas weiter zu geben. Ich käme auch nie auf die Idee, das Wort „Gutmensch“ als Schimpfwort zu benutzen. Ich staune allerdings, wie weit das verbreitet ist.

Was ist schlecht daran, sich der Sorgen anderer anzunehmen? Was ist schlecht daran, Kindern Bildung zu ermöglichen oder gar ihren Hunger zu stillen. Was ist schlecht daran, eine stabile Gesundheitsversorgung zu fördern oder Menschen mit Behinderung zu einer Teilhabe am Alltagsleben zu verhelfen?

Es gibt nur ein Argument, das ich gegen solches Engagement gelten lasse. Es ist der Einwand, dass es auch in unserem Land jede Menge sozialer Baustellen gibt, die der Hilfe dringend bedürfen.
Die rechtlich verbriefte Unterstützung der Behörden scheitert nicht selten am bürokratischen Aufwand.

Ich habe große Achtung vor Zeitgenoss*innen, die sich hier, mit Feuereifer und ohne auf ihren Vorteil zu schauen, einbringen. Gewissermaßen als ein moderner Martin – aber eben: „Old School“. Vielleicht auch, damit anderen ein Licht aufgeht.

Gerhard Richter, Tansania-Referent im Evangelisch-Lutherischen Missionswerk Leipzig e.V.

Grafik: Ev.-Luth. Kirchenbezirk Dresden-Mitte