Auf das Leise hören

Im Anfang ist das Ohr. Schon in einem sehr frühen Stadium wird beim menschlichen Embryo das Gehör ausgebildet. Lange bevor wir das Licht der Welt erblicken, nehmen wir hörend Kontakt auf: mit dem Herzschlag der Mutter, mit ihrer Stimme, mit den Geräuschen der Welt. Von Anfang an ist der Mensch auf den Dialog angewiesen. Der Embryo, der die Stimme der Mutter hört, beginnt sich zu regen. Die Bibel erzählt, dass sich Johannes der Täufer schon im Leib seiner Mutter Elisabeth freudig bewegt hat, als diese die Stimme Marias hörte.

Das Wort ruft nach Antwort: Wer etwas gehört hat, spürt den Wunsch, dies zu erwidern. Er will sich äußern und sehnt sich nach einem Gesprächspartner. Aber wie kann ich gut mit anderen reden? Je persönlicher ein Gedanke oder ein Gefühl ist, umso schwieriger wird es, mich gut zum Ausdruck zu bringen. Wie finden wir die richtigen Worte, um uns mitzuteilen? Der österreichische Dichter Karl Kraus bringt es auf den Punkt: „Hab‘ ich dein Ohr nur, find‘ ich schon mein Wort.“ Wer erfährt, dass jemand ihm gut zuhört, dem kommen die Worte leichter über die Lippen. Wenn Menschen achtsam und wohlwollend hinhören, dann kann sich das richtige Wort einstellen. Die Aufmerksamkeit meines Gegenüber wird zum Geburtshelfer meiner Sprache.

Ähnliches gilt, wenn Menschen mit Gott reden wollen. Auch hier wird das richtige Wort aus der Haltung des Hörens geboren. Zunächst muss der Mensch sensibel werden auf alles Zarte und Behutsame, denn „Gott ist der leiseste von allen“ (Rainer Maria Rilke). Gott lärmt nicht und dröhnt uns nicht zu. Zum Propheten Elija spricht Gott erst, nachdem dieser gelernt hat, auf das sanfte Säuseln des Windes zu lauschen. Wenn wir dem Leisen in uns selber Gehör schenken, kann uns darin Gott etwas sagen.

Im Advent lesen Christen die Geschichte von Maria: Sie war eine Frau, die eine besondere Begabung des Hörens hatte. Viele Darstellungen der Verkündigung zeigen Maria, die in der Stille wartet, betet oder in der Heiligen Schrift liest. In dieser Haltung des Hörens ist sie bereit für die Botschaft des Engels. Gott sucht nach dem Ohr des Menschen. Und wenn wir es ihm „leihen“ oder sogar schenken, dann kann er auch uns behutsam ansprechen.

Andreas Knapp, katholischer Priester und freier Schriftsteller (Leipzig-Grünau)

Foto: Müller