Bete und arbeite

Rogate – so lautet der Name des morgigen Sonntags. Betet – bedeutet dieser Name. Beten? Heute noch? Ist es nicht unsere Aufgabe, durch eigene Aktivitäten unsere Probleme und die unserer Welt zu lösen, statt zu beten?

Viele Menschen denken so. Aber reicht das? Lebt dieses Denken nicht von der Illusion, nach der wir uns nur richtig anstrengen müssen, damit alles gut werden kann?

Natürlich sollen wir unsere Begabungen und Fähigkeiten einsetzen: Für uns selbst und auch für unsere Mitmenschen.

Aber wir wissen auch, dass unsere Handlungsmöglichkeiten begrenzt sind. Gerade in unserer besonders bewegten und für manche Menschen auch bedrohlichen Zeit.

Viele wünschen sich mehr Klarheit, mehr Übersichtlichkeit. Manchmal auch einfache Lösungen für komplexe Probleme. Nur leider gibt es sie meist nicht. Hilft dann nur noch beten?

Seit Urzeiten gibt es Menschen, die sagen: Ich gehe dann davon aus, dass es eine größere Wirklichkeit gibt, als die, die ich täglich erfassen kann. Christen sprechen in diesem Zusammenhang von einem Glauben an Gott.

Im Gebet zu ihm kann ich Klage und Trauer, Wut und Aggression, aber auch Bitten, Freude und Dank ausdrücken. Dabei kann sich die Blickrichtung ändern. Ich kann Abstand zu bedrängenden Dingen bekommen, sie mit anderen Augen sehen. Ich kann besser erkennen, was wirklich wichtig und was weniger wichtig ist.

In gemeinsamen Friedensgebeten konnten und können wir beispielsweise Orientierung bekommen, aus der sich Kräfte entwickeln, die uns guttun.

„Bete und arbeite“ – so lautet eine etwa 1500 Jahre alte und auch heute noch hilfreiche Lebensformel der Benediktinermönche.

„Man muss beten, als ob alles Arbeiten nicht nützt, und arbeiten, als ob alles Beten nichts nützt“ – so formulierte Martin Luther diesen Gedanken.

Wir brauchen diese Balance zwischen Reflexion und Handeln, zwischen Gelassenheit und Engagement, zwischen Beten und Arbeiten. Auch das Feiern und das Nachdenken anlässlich des 500. Jahrestages der Reformation, das in der kommenden Woche auch in unserer Stadt einen besonderen Platz einnehmen wird, ist eine gute Gelegenheit dazu.

Damit wir einen guten Weg durch unser eigenes Leben finden. Damit wir unser Miteinander täglich gut gestalten können. Auch angesichts einer sich weiterhin rasant verändernden Welt. Auch in unserer bewegten und bewegenden Stadt.

Pfarrer Christian Kreusel, Direktor des Diakonischen Werkes Innere Mission Leipzig e.V.

 

 

Foto: epd bild