Bleib so, wie du bist

…wünschte ich vor vielen Jahren Reimund, so hieß der Junge aus der Oberstufe, zum Geburtstag.
Er sah mich an und meinte: Das ist mit das Schlimmste, was du mir wünschen kannst.
Meine Internatszeit liegt nun schon viele Jahre hinter mir, dieser Satz ist geblieben.

Das neue Jahr hat begonnen. Die üblichen guten Vorsätze sind nach den ersten drei Wochen auch wieder vorüber. Seien Sie ehrlich, bewegen Sie sich wirklich mehr, essen Sie weniger Fleisch, schauen Sie endlich weniger fern und nehmen stattdessen ein gutes Buch zur Hand, regen Sie sich weniger auf über die Nachbarin mit dem Hund?

Eine Zeit lang hab ich mich immer gefragt: Wann beginnt das Alter, ab dem man sich nicht mehr ändern kann? Ab wann bin ich so festgefahren, so erstarrt, dass es schwer möglich wird, mich selbst und meine Sicht auf die Dinge, auf die Welt, auf mich zu verändern.

Heute denke ich, das muss nie beginnen. Du behältst, wenn du geistig fit bleibst, immer die Möglichkeit, dich zu verändern, einen guten Schritt nach vorn zu machen. Und ich denke da an: Ich kann lernen, wie das geht, schneller zu vergeben. Ich werde immer aufmerksamer für den Segen, den ich in meinem Leben an so vielen Stellen erfahre. Ich entdecke, welche Gelöstheit darin steckt, über meine eigenen Dussligkeiten zu lachen. Ich spüre die Weite immer mehr, wenn ich umsetze, andere Menschen nicht zu verurteilen.

Mein Vater besuchte mit  77 Jahren, da er gerade an diesem Tag in Leipzig zu Besuch war, mit mir den Gottesdienst. In diesem Gottesdienst taufte mein Mann den Sohn zweier Männer. Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater noch völlig gegen Homosexualität. Hinterher stand er beim Mittagessen auf und sagte: Das war heute etwas Gutes.
Ich habe die Luft angehalten – das hat mich beeindruckt.

Also, ich wünsche Ihnen heute, nach den ersten drei Wochen des neuen Jahres, ein spannendes, gesegnetes Jahr der Veränderung mit den Worten des Psalmbeters (Ps. 18,20):  „Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen.“

Grit Markert, Stadtjugendpfarrerin Leipzig