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Pfarrer Bernhard Stief, Nikolaikirche
Jeder Ton eine Pfeife!



„Du bist vielleicht ´ne Pfeife!“ Diese Worte höre ich jemanden sagen, der sich über einen anderen Menschen ärgert. Meist ist dann etwas schief gelaufen, etwas daneben gegangen, ein Missgeschick passiert. Wer Fehler macht, wird schnell zur „Pfeife“. Dabei ist die Titulierung als Pfeife eine Auszeichnung.

Eine Orgel könnte ohne die einzelne Pfeife nicht erklingen oder würde bei deren Fehlen an Brauchbarkeit einbüßen. In der Nikolaikirche steht mit reichlich 6.800 Pfeifen die größte Orgel in Sachsen. Kein Organist würde behaupten, es käme bei so vielen Pfeifen nicht wirklich darauf an, dass alle funktionieren.

Während unserer Ausbildung sprachen wir Vikarinnen und Vikare einst über Bilder von Gemeinde. Neben den biblischen Bildern, wurden auch moderne Vorstellungen von christlicher Gemeinde zusammengetragen. Als gelernter Orgelbauer kam mir natürlich die Orgel in den Sinn: Jedes einzelne Gemeindeglied, jeder Christ, ist ein Ton im Gesamtwerk.

Wie unterschiedliche Register jeweils eine Klangfarbe bilden, begegnen wir auch in der Gemeinde Menschen mit unterschiedlicher Prägung. Die einen lieben die leisen, andere die lauten Töne. Für die einen ist Kirche der Ort der Innerlichkeit, für die anderen muss sie sich in die Öffentlichkeit hörbar einbringen. Die einen setzen auf die Tradition der bekannten Stimmen, andere bringen neue Klangfarben in das Gemeindeleben ein.

Wer um die technischen Details einer Orgel weiß, zählt sie zu den Blasinstrumenten, da ihr Ton durch Wind erzeugt wird. Das ist ein gutes Sinnbild für den Geist Gottes, der in einer Gemeinde wehen muss, damit Gottes Wort „lebendig, kräftig und schärfer“ erklingt (Hebräer 4, 12). In ihrer Vielstimmigkeit wird die Gemeinde schließlich zu einem Lob des Schöpfers, dem sie - wie jede Orgel - ihre Einzigartigkeit und Schönheit zu danken hat. Der Organist muss Jesus selbst sein. Wenn nicht Christus den Ton angibt, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Klarheit der Kirche unter Misstönen leidet.

Zumindest ist es ein wunderbares Vorrecht, eine Pfeife zu sein, die den Gesamtklang einer Gemeinde bereichert. Jede Orgel erinnert uns daran, dass keine der ihr zugedachten Pfeifen überflüssig ist.