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Pfarrer Johannes Markert, Matthäuskirchgemeinde Leipzig Nordost
Ist Religion heilbar?




„Religion ist heilbar“. Beim Public Viewing im Clara-Park trug ein junger Mann hinter mir diesen Satz auf seinem T-Shirt spazieren. Ob er an Religion gelitten hatte und nun geheilt war? Jedenfalls sah er jetzt gesund aus. Möglicherweise fürchtete er, sich mit Religion anzustecken? Wenn er gewusst hätte, dass ich, so unmittelbar vor ihm … Nicht auszudenken!

Zugegeben, manche Formen von Religion können krank machen. Das scheinen manche zu fürchten wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser. Ein bisschen kann ich sie sogar verstehen. Wie so ziemlich alles auf der Welt hat Religion, hat Glaube verschiedene Seiten, lässt sich missbrauchen und verdrehen. Manche meinen, wenn sie sich auf Gott einließen, bräuchten sie nicht mehr selbst zu den-ken und zu entscheiden. Andere kommen vielleicht auf die Idee, dass sie nun bessere Menschen seien als Nichtgläubige. Und einige wenige neigen zu Gewalt. Auch Glaubende sind nur Menschen. Allerdings glaube ich an einen Gott, der nicht will, dass Religion krank macht, Leben zerstört, Men-schen kaputt macht. Wenn Menschen diesen Gott zum Zuge kommen lassen, dann kann es nur auf-wärts gehen mit der Religion. In diesem Sinne hat der T-Shirt-Träger sicher recht: Religion ist heilbar, Gott kann sie gesund machen, wenn sie denn mal krank geworden ist.

Hätte an diesem Abend nicht gerade Deutschland gegen Italien verloren, vielleicht wäre ich ja mit mei-nem Hintermann ins Gespräch gekommen. Dann hätte ich ihm auch von Menschen berichten können, die den christlichen Glauben als etwas sehr Heilsames erfahren haben. Von einer jungen Frau etwa, die mir vor kurzem erzählte, wie in einer Lebenskrise die Frage nach Gott in ihr auftauchte. Indem sie dieser Frage nachging, fand sie ihre Lebensfreude wieder. Ihre Familie versteht das leider nicht („Religion ist heilbar“ s.o.). Übrigens: in den meisten Teilen der Welt, gälte ein Mensch mit obigem T-Shirt als Seltsamkeit. Der Erfurter Theologe Tiefensee berichtete einmal von einem Inder, der die ganze Dorfbevölkerung zusammenholte. Ein Sachse war dort aufgetaucht, der von sich be-hauptete, er habe keine Religion. Alle bestaunten dieses seltsame Exemplar. Nicht weil er Sachse war. Sondern: ein Mensch ohne Religion.