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Käte Kollwitz: Unter dem Brueckenbogen, 1928

„Die Armen werden niemals ganz
aus deinem Land verschwinden.
Darum mache ich dir zur Pflicht:
Du sollst deinem Not leidenden und
armen Bruder, der in deinem Land lebt,
deine Hand öffnen.“

5. Mose 15, 11 (Monatsspruch Februar)


Liebe Gemeinde,

Sie kennen bestimmt die Bettler, die sich an den Türen berühmter Kirchen aufhalten und um Almosen bitten. Selten stehen sie vor unserer Kirchentür, aber an Kaufhallen finden wir sie sehr oft. Viele Menschen gehen scheinbar unberührt vorüber und andere geben diesen Menschen eine kleine Spende. Wie sollten wir als Christen mit dem Problem der Armut umgehen?

Das Problem der Armut ist so alt wie die Zivilgesellschaft. Die Ursachen für Armut liegen in strukturellen Problemen der Gesellschaft, aber auch in der Machtgier von Einzelnen oder mitunter auch in der Persönlichkeitsstruktur des Armen selbst. Armut gehört zu unserem irdischen Dasein. Das junge dritte Jahrtausend wird sich mit diesem Thema hier zu Lande und weltweit immer wieder auseinandersetzen müssen.

Die biblischen Schriftsteller fordern an verschiedenen Stellen das Almosengeben als gutes Handeln aus dem Glauben heraus und vor Gott ein. Damals gab es keine Sozial- oder Arbeitslosenversicherung. Heute stehen in Deutschland verschiedene Sozialsysteme zur Verfügung, um Menschen wirtschaftlich zu unterstützen. Dennoch gibt es arme Menschen in unserem Land, denen Dinge des alltäglichen Lebens nicht ohne weiteres zur Verfügung stehen. Menschen fehlt es an einer Wohnung, an ausreichend gesunder Ernährung, an Möglichkeiten für Bildung und Kultur. Früher haben sich Kirchgemeinden viel stärker am sozialen Ausgleich beteiligt, als es heute nötig erscheint.

Menschen gehen 40 Stunden in der Woche arbeiten, leisten viele Überstunden und bekommen nur unwesentlich mehr heraus als Menschen, die von der sozialen Unterstützung des Staates leben. Wer ist da arm dran, derjenige, der keine Arbeit hat, oder derjenige der sich überarbeitet? Die Frage werden Menschen unterschiedlich beantworten. Manche Menschen kommen mit wenig aus und sind glücklich und zufrieden. Andere haben äußerlich genug, aber sie haben das Gefühl, immer zu wenig zu haben. Wer ist da arm dran? Armut ist auch relativ und wird unterschiedlich erlebt.

„Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder [und deiner Schwester in gleicher Weise], die in deinem Land leben, deine Hand öffnen.“

Jemand die Hand zu öffnen, heißt, ihm Hilfe anzubieten und auch mit Ablehnung zu leben. Wir haben bestimmte Vorstellungen, wie wir jemand helfen wollen. Unser Gegenüber möchte, dass er auf eine bestimmte Art Unterstützung erfährt. Jeder hat auf seine Weise Recht, aber es passt leider nicht immer zusammen. Spätestens, wenn wir Hilfe zugeteilt bekommen, die nicht zu uns passt, verstehen wir das Problem.

Wer sich eher wünscht, dass Menschen sachgerecht und persönlich durch anderen geholfen wird, wird eher Hilfsorganisationen mit einer Spende unterstützen. Wer auf den eigenen persönlichen Kontakt großen Wert legt, wird eventuell eine Patenschaft übernehmen oder selbst in Hilfsorganisationen mitwirken. Wer den Lebensstil des anderen unabhängig davon, ob er dessen Sinn versteht, respektiert, wird auch direkt eine Spende geben.

Armut ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem. Wer schon einmal eine Familie oder einen Menschen entschuldet hat und nach einem Jahr feststellen muss, dass der Schuldenberg wieder da ist, wird sich die Haare raufen und sich eingestehen müssen, dass er viel Lehrgeld gezahlt hat.

Wer einen Euro braucht, braucht mehr an Zuwendung.

Mit vielen Segenswünschen für die kommende Zeit

Ihr Reinhard Junghans

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