Das bringt mich auf die Palme

Es gibt Dinge, die bringen mich auf die Palme. Zum Beispiel ärgert es mich, wenn Menschen eine Veranstaltung wünschen, aber dann, wenn sie stattfindet, nicht da sind. Manchmal erlebe ich auch Meinungsführer, die sich in trauter Runde für eine Sache stark machen, aber wenn es zur Umsetzung kommt, in Deckung gehen. So etwas bringt mich auf die Palme. Keine Ahnung, wo diese Redewendung herkommt. Vermutlich geht man bei Ärger gerne mal „durch die Decke“, „die Wände hoch“, „in die Luft“ oder eben „auf die Palme“.

Stehe ich in der Nikolaikirche, wage ich es doch nicht mehr, die Palmen zu erklimmen. Vielmehr richte ich mich auf, lasse meinen Blick an den Säulen nach oben gleiten und erblicke die Palmenblätter, die sich kunstvoll in den Kirchenraum entfalten. Sie erinnern mich an eine Geschichte, die in der Bibel steht. Sie erzählt, mit welcher Begeisterung Jesus in Jerusalem erwartet wurde. Als er schließlich eintraf, feierten ihn die Menschen – zum Ärger der Politiker – als neuen König. Doch merkwürdig war: Dieser König ritt nicht auf einem prächtigen Pferd, sondern auf einem schlichten Esel. Das war dem Anlass ganz und gar nicht angemessen. Leider übersahen die Menschen die Haltung, die Jesus damit verband. Vom Anlass überwältigt jubelten sie: „Hosianna! Gelobt sei der König von Israel“ und schwenkten dabei Palmenzweige.

Zur Wahrheit gehört, dass die Jubelrufe bald verstummten. Nur wenige Tage später kam die Begeisterung zum Erliegen. Einen König hatten sich die Menschen anders vorgestellt: prächtiger, lauter, vielsagender. Statt „Hosianna“ riefen sie nun „Kreuzige ihn“. Genau dieser Stimmungsumschwung ist es, der mich bis heute auf die Palme bringt. Wie treulos, wie ungeduldig, wie hoffnungsarm sind doch so viele Menschen! Dass Jesus die Ablehnung unaufgeregt ertrug, beeindruckt mich. Ihn brachte das nicht auf die Palme. Er blieb friedlich mit sich und den anderen. Solchen Frieden wünsche ich mir für mich und die Welt: Frieden, der verzeihen kann, der Versöhnung stiftet und niemanden aufgibt.

Die Palmenzweige in der Nikolaikirche verweisen mich auf den Friedenskönig, an dessen Einzug in Jerusalem wir morgen, am Palmsonntag, erinnert werden.

Pfarrer Bernhard Stief, Kirchgemeinde St. Nikolai

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