Geh hin – und lies

Man möchte meinen, dies sei die Empfehlung für die Buchmesse: Geh hin – und lies. Lass dich ein auf die Welt eines anderen, träum dich ins Neue, vertrau dich Gedankenspielen an, entdecke das Leben neu.

Geh hin, lies oder auch lies vor. Das könnte eine Empfehlung an Erzieher und Pädagogen sein, an Eltern und Großeltern, diese alte Kunst zu pflegen, ihren Kindern den Raum der Fantasie lieb zu machen. Diese wunderbare Welt, in der es gut ausgehen kann und darf, mit Helden und Heldinnen, Feen und Prinzen, die sich für das Leben einsetzen und siegen.

Geh hin – und lies. Das könnte eine Ermahnung sein. Mach dir doch bitte selbst ein Bild von allem. Schau, ob es so ist, wie ich‘s dir gesagt habe. Mach dich kundig. Du hast die Fähigkeit, nutze sie.

Geh hin – und lies. All das wäre möglich und doch ist der Spruch um vieles älter. Er stammt aus dem Buch Jeremia und wurde zu einer Zeit gesagt, da ein Text, laut vorgelesen, noch echte Sprengkraft besaß: Jeremia, der Prophet, weist auf Missstände hin. Er droht an, dass dieses Verhalten Konsequenzen haben, ja, dass es das ganze Land gefährden wird. Das lässt er aufschreiben, weist seinen Begleiter an, das öffentlich vorlesen zu lassen. Die Menschen sind schockiert und legen dies dem König vor. Der ist darüber nicht erfreut und lässt den Text scheibchenweise verbrennen. Eine Bücherverbrennung, lange vor dem Jahr 1933. Für den Propheten und seinen Begleiter wird es gefährlich, lebensgefährlich, aber sie sind gut versteckt und somit in Sicherheit.

Geh hin – und lies. Wann hätte ein Text für uns heute in Deutschland noch solche Sprengkraft? Sind wir nicht längst daran gewöhnt, dass irgendwo irgendwer immer irgendwie auf Missstände hinweist? Einen Besserwisser gibt es immer. Muss man darüber noch nachdenken? Muss denn irgendwer sein Leben ändern, wegen eines Buches, eines Gedankens, einen neuen Idee? Wir sind umgeben von Worten, die nicht mehr gehört werden, weil sie überfordern. Es ist einfach zu viel. Und das wirklich Wichtige kann kaum einer herausfiltern.

Und doch brauchen wir genau solche Ideen und Worte, die neue Richtungen weisen, die ermutigen, sich dem Leben zu stellen, die aufrütteln aus der Lethargie und Gewöhnung, die diskutiert werden können und sollen.

Was tat Jeremia? Seine erste Schriftrolle war verbrannt. Dennoch blieben die Missstände, blieb die Notwendigkeit, sich deutlich dazu zu äußern, blieb die Aufgabe, nach einer anderen Form des Miteinanders zu suchen. Jeremia lässt sich nicht entmutigen. Nicht von den Verhältnissen und nicht von seiner scheinbaren Erfolglosigkeit. Er schreibt neu.

Bettine Reichelt

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