Geistreich

Pfingsten haben die Jünger Jesu erstmals in Jerusalem von Jesus gepredigt; die Bibel erzählt von einer Art Kirchentag: Tausende aus aller Welt hören den Jüngern zu, 3000 lassen sich taufen als Zeichen der Zugehörigkeit zu Jesus Christus und seiner Gemeinde. Angefangen hat alles damit, dass die Jünger plötzlich einen neuen Geist in sich verspürt haben. Der hat ihnen die Taten von Jesus wichtig gemacht; sie bekommen Mut und Motivation, davon zu erzählen. Weil der neue Geist von Gott kommt, nennt die Bibel ihn den Heiligen Geist. Er ist es auch, der den 3000 Getauften das sichere Gefühl gibt: Im Vertrauen auf Jesus Christus zu leben, das ist gut für mich. Und: Heiliger Geist bewirkt, dass Menschen anfangen, im Sinne Jesu zu denken und zu handeln.

Damit betrifft Pfingsten das öffentliche (und nicht nur das innerkirchliche) Leben. Gott geht es um das Wohl der Welt, die er liebt. Darum gibt er Christen und Nicht-Christen den guten Geist, der Menschen zum Guten leitet. Auch anders Glaubenden und Atheisten. Die Welt wäre schlimm dran, wenn allein Christen in Gottes Sinn und Geist auf ihr unterwegs sind. Gut für die Welt, dass Gott „den Geist gibt ohne Maß“ (Johannesevangelium). Nicht als Belohnung für die Glaubenden, vielmehr als Chance für die Welt, dass sie lebt.

So feiern wir zu Pfingsten weit mehr als die Anfänge der Kirche. Christen und Nichtchristen feiern, dass wir gemeinsam im Sinne Jesu leben können – weil das notwendig ist für die Welt. Über die Gemeinsamkeit von Christen und Nicht-Christen hat Dietrich Bonhoeffer in einem Gedicht aus dem nationalsozialistischen Gefängnis geschrieben: „Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not … und vergibt ihnen beiden“ – Christen und Nicht-Christen. Im Sinne des Pfingstfestes ergänzen wir: „und er gibt seinen guten Geist ihnen beiden“.

Am Sonnabend wird in den Gottesdiensten der jüdischen Gemeinden Gottes Segenszusage für den Menschen gelesen (4. Mosebuch, Kap. 6). Das passt gut; wir brauchen es alle, dass Gott uns segnet, wenn wir anfangen (und da sind wir immer Anfänger), in seinem Geist und Sinn zu leben: „Gott segne und behüte dich, er lasse sein Angesicht leuchten über dir und … gebe dir Frieden.“ Wer Gottes Segenszusage spricht, so die jüdische Glaubenstradition, soll dabei die Hände erheben (wie manche es beim Beten tun). Dieses Symbol aber bedeutet: Gottes Segen macht, „dass wir die Hände ausstrecken und tatkräftig helfen, wenn jemand in Not ist.“

Pfarrer Dr. Michael Kühne, Theologischer Geschäftsführer Diakonissenkrankenhaus Leipzig, Rektor DH-Leipzig

 

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