„Gesichts-Erkennung“

Ich habe gelesen, dass in fünf Jahren weltweit 45 Milliarden Kameras im Einsatz sein werden. Diese Kameras lesen Gesichter an Flughäfen, an Bahnhöfen, in Supermärkten. Diese Kameras identifizieren Menschen, überwachen Menschen und analysieren Bedürfnisse. Selbst unsere sexuelle Orientierung, unsere Charaktereigenschaften wird man uns vom Gesicht ablesen. Ein Foto von unserem Gesicht entblättert die ganze Person. Damit können Gesichtsdaten über unsere Zukunft entscheiden. Datenerhebung, Datenauswertung, ja Datenausbeutung sollen unser Verlangen nach Sicherheit stillen und werden dazu genützt, den Konsum noch mehr zu steigern. Doch wer schützt diese Daten?

Das Gesicht, der menschlichste Teil unseres Körpers, steht für Hinwendung und Zuwendung. Wir erwerben die Fähigkeit Gesichter zu erkennen und zu unterscheiden in unseren ersten Lebensmonaten. Gesicht ist Identität. Was aber, wenn unser Gesicht zur datenliefernden Schablone und zum Steckbrief wird?

Wie anders könnte man die Bedeutung des Gesichts würdigen? Das Gesicht, das leuchtet und strahlt, wenn es schaut oder wenn es angeschaut wird. Das Gesicht, das sich selbst die Welt erschließt. Dazu braucht es das Licht von einem anderen Gesicht, das darauf fällt. Für mich ist es das unbegreifbare, transzendente Gesicht Gottes, das er mir zuwendet. Gott schenkt mir seine Aufmerksamkeit, er hebt sein Angesicht auf mich. Er ist mir gegenüber freundlich und wohlgesonnen. Er will mir Gutes. So sagt es die Bibel in einem uralten Segensspruch, der bis heute im Gottesdienst des Judentums wie des Christentums gesprochen wird: „Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Gott hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ (4 Mose 6,24-26)

Gott segnet. Im Segen wirkt Gott. Dieser Segen kann angenommen oder abgewiesen werden. Wir Menschen haben die Entscheidung, das Gute, das von Gott kommt und mit Gnade, Güte und Wohlbefinden beschrieben werden kann, anzunehmen oder abzulehnen. Menschen, die Gott glauben, empfangen diesen Segen und geben diesen Segen weiter. Damit kann in einem umfassenden Sinn Frieden werden und zwar für jeden Menschen, gleich welches Gesicht er hat.

Ute Ellinger, Krankenhausseelsorgerin im Evangelischen Diakonissenkrankenhaus Leipzig