In der Bibel steht, …

Vor allem extreme Aussagen aus der Bibel ziehen bestimmte Menschen an oder stoßen andere gerade deswegen ab. Die Bibel ist der Gegenstand scharfer Kritik oder muss als Autorität von Aussagen herhalten.

Wer die Bestimmungen der Bibel ernst nimmt, fühlt sich durch das Wort Jesu bestärkt: „Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich.“ (Matthäus 5, 19). So werden aus dem Buchstabensinn verschiedener biblischer Texte konkrete Handlungsmuster für heutige Entscheidungen entnommen.

Nun berichtet aber die Bibel ungeschminkt davon, Jesus hält sich selbst nicht an das Gesetz, obwohl er dessen Einhaltung streng fordert. Schließlich übertritt er mehrmals das Feiertagsgebot. Deshalb soll er auch des Todes sterben. (Markus 3, 1-5)

Was bedeutet das, wenn Jesus sich einem Gesetz widersetzt, worauf sogar die Todesstrafe steht? Für Jesus gibt es mehr als den Buchstabensinn. Die Heilige Schrift hat noch ein tieferes Anliegen: die Barmherzigkeit Gottes. Wer der Barmherzigkeit Gottes dient, darf auch Gebote übertreten, die Menschen – warum auch immer – bei der Nichteinhaltung mit der Todesstrafe oder mit anderen Strafen bedrohen. Jesus fordert seine Jünger und Nachfolger dazu auf, einander zu vergeben. Dieses sinnvolle Handeln war zur Zeit Jesu eine Gotteslästerung. (Markus 2, 5-7)

Wer jetzt vielleicht das Gefühl hat, man könne mit der Barmherzigkeit alle Gesetze aushebeln, liegt im Trend der Grundaussage der Bibel. Der Kirchenvater Augustin würde sagen: „Liebe und tue, was du willst.“ Ein solches Vorgehen ist aber eben zwingend mit der Barmherzigkeit zu begründen. Mit dieser Begründung kann man sich getrost über biblische Bestimmungen hinwegsetzen. Der Maßstab der Barmherzigkeit durchzieht die gesamte Heilige Schrift, wenn es darum geht, mit Vergebung Leben zu erneuern. Luther gestaltet mit diesem Maßstab, was Jesus Christus treibt, seine Bibelübersetzung. Insofern steht jedem Christen zu, mit dem Maßstab der Barmherzigkeit, aber eben auch nur mit diesem, über wortwörtliche Verbote der Bibel hinauszugehen. Aktuell betrifft dies insbesondere die Frage der Homosexualität in der Kirche. Wer die Barmherzigkeit lebt, dem wird sie als Glauben vor Gott angerechnet. So ist das große Thema der Bibel, die Geschichte vom barmherzigen Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist.

Pfarrer Dr. Reinhard Junghans, Studieninspektor am Evangelischen Studienhaus in Leipzig und Pfarrer der Versöhnungskirchgemeinde in Leipzig

 

Foto: Kirchenbezirk Leipzig