(K)ein Opfer

Im Handel ist längst Ostern, übergangslos wurden die Weihnachtsmänner gegen die Osterhasen ausgetauscht. Frühlingssträuße und Ostereier sieht man auch schon in vielen Schaufenstern und Vorgärten. Doch ohne Karfreitag ist Ostern nicht zu haben, ohne Kreuz keine Auferstehung, obwohl das keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein scheint. Selbst viele Christen tun sich schwer mit dem Gedanken, dass Jesus sich geopfert hat für uns zum Leben. Brauchen wir sein Opfer überhaupt? Und warum das Leiden, die Passion? Wir hätten gern Glück ohne Leid und Opfer soll und braucht es nicht zu geben.

Am Sonntag kommt einer der verstörendsten Bibeltexte zu Gehör, der schon seit den Anfängen des Christentums als Deutungsmuster für den Tod Jesu diente: Die Geschichte von Isaaks Opferung. (Die jüdische Tradition nimmt es genauer und spricht von der Anbindung Isaaks.) Abraham, der ein Leben lang auf diesen Sohn warten musste, soll Isaak opfern, kaum dass der den Kinderschuhen entwachsen ist. In treuem Gehorsam gegen Gott macht er sich schweren Herzens auf den Weg und beantwortet Isaaks Fragen nach dem Opfertier ausweichend. An der Opferstätte angekommen, baut Abraham einen Altar und bindet Isaak darauf an. Er will ihm schon das Messer an die Kehle setzen, da gebietet ihm Gott durch einen Engel Einhalt. Sie finden einen Widder, der an Isaaks Stelle geopfert wird.

Atheistische Polemik sieht diese Bibelstelle als einen Beleg für einen willkürlichen Gott, der es nötig hat Abrahams Glauben und seine Treue auf solch grausame Art zu prüfen. Neuere Auslegungen zur Bibel bringen dagegen ein ganz anderes Gottesbild und beziehen religionsgeschichtliche Forschungen mit ein: Offenbar war es auch im Alten Israel üblich, Menschenopfer zu bringen, vornehmlich das erstgeborene Kind. Auf diesem Hintergrund wird die Geschichte von der Anbindung Isaaks zu einer Korrektur falscher Gottesbilder und Rituale: Gott will kein Menschenopfer, er verlangt keinen Kadavergehorsam. Er liebt die Menschen und will, dass sie leben, nicht ihren Tod.

Die klassische christliche Auslegung dieser Geschichte hat davon mehr verstanden als die neuzeitliche Kritik. Abrahams Bereitschaft, Isaak zu opfern, sah man als Analogie und Vorzeichen für Gottes Bereitschaft, seinen Sohn Jesus zu opfern, damit wir Menschen aus allen falschen und lebenzerstörenden Verhältnissen befreit werden. Gott selbst bringt das Opfer, damit wir nicht Opfer bringen und leiden müssen. Und er schont sich selbst nicht – aus Liebe. Das ist etwas völlig anderes als ein erzwungenes Opfer, sondern Hingabe bis zum Äußersten.

Uta Gerhardt, Schulpfarrerin im Ev.-Luth. Kirchenbezirk Leipzig

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