Perspektivwechsel

Gefühlt ist der Urlaub ja schon fast ein halbes Jahr her und manchmal fragt man sich, ob man nicht eigentlich wieder Urlaub bräuchte. Es war aber auch schön. Wobei ja das Wegfahren im Grund das Schönste ist, einfach raus, einfach weg und Abstand gewinnen. Diesmal ist mir das so richtig aufgefallen. Nach Autobahn und Stau stehe ich an Deck der Fähre nach Schweden und schaue zurück und beobachte wie der Hafen, das Ufer und die Häuser von Saßnitz immer kleiner werden. Natürlich werden sie nicht wirklich kleiner, denn eigentlich ist das ja nur Physik und Erdkrümmung, aber irgendwie auch mehr. Denn mit mehr Abstand gibt es einen neuen Blickwinkel und neue Eindrücke und die Welt sieht irgendwie ganz anders aus.

Und eigentlich wünsche ich mir das jetzt, drei Wochen nach dem Urlaub, auch: eine andere Perspektive. Ich wünsch mir, dass Dinge, die manchmal so riesig aussehen, auf Normalgröße oder wenn es geht noch kleiner, schrumpfen. Aber bis zur Fähre ist es weit und einfach abhauen ist ja auch keine Lösung, aber was dann? Blickwechsel. Nicht einfach woanders hinsehen, sondern „mit anderen Augen“ sehen. Mit anderen Augen sehen? Geht das? Einen solchen Blickwechsel beschreibt einer in einem alten Lied: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

Mit diesen Sätzen ist bei mir der Groschen gefallen. Ja, die großen Dinge, die Berge, die sich vor mir auftürmen werden dann kleiner, wenn ich den Blick zu Gott wage. Wenn mir bewusst wird, dass der, der alles geschaffen hat, auch das schafft, was sich vor mir auftürmt. Diese Perspektive erhalte ich aber nur dann, wenn ich den Blick zu ihm riskiere. Man kann es auch Beten nennen, einfach Gott bringen, was mich bewegt oder erstarren lässt. Einfach mal raus aus dem Trott und von außen drauf sehen. Andere, Gottes, Möglichkeiten entdecken und mit ihm über die Dinge reden, das verändert. Morgen ist Sonntag, der Tag, der dazu gemacht ist, den Blick frei zu kriegen und die Perspektive zu wechseln, um dann ganz anders in die neue Woche zu starten.

Reinhard Steeger, Gemeinschaftspastor der Landeskirchlichen Gemeinschaft Leipzig

 

Foto: Lehmann