Qual der Wahl

Das Jahr ist ein Jahr der Wahlen. Ich habe lange nicht mehr so viel und so ausführlich über Wahlen geredet, diesmal über Regions- und Ländergrenzen hinweg. Und nur selten war ich so ratlos. Wen sollte man wählen? Und wenn die Wahl gelaufen ist: Wie bleiben die Länder regierbar? Sinnvoll und gerecht und menschlich angemessen. Das ist sowohl in Deutschland als auch in Österreich in den letzten Wochen nicht einfacher geworden. Die Fronten verhärten sich. Der Wille zu angemessenen Gesprächen in Würde und Achtung vor dem anderen scheint selten zu werden. Oder er verbirgt sich? Oder geht er überhaupt verloren?

Dabei erlebt man Bizarres. Im Gespräch mit einem österreichischen Rentner in Wien fragte er mich, die Fremde, sehr freundlich danach, wie es mir gehe, wie ich das Land erlebe – und begann dann übergangslos gegen „die“ Fremden zu poltern, die das Land überfluten und überhaupt alles durcheinanderbringen und Kultur zerstören. Wie soll man als Fremde darauf reagieren? Sich entschuldigen? Wofür? Dass ich gerade in Wien Kaffee trinke?

Ein anderes Gespräch: Ein rumänischer Zuwanderer macht sich Sorgen, dass noch mehr Menschen aus seinem Land nach Deutschland kommen könnten. Er sei ja ein guter Einwanderer, mache keine Querelen. Aber wenn nun noch mehr kommen … Was soll man antworten? Gibt es gute und schlechte Einwanderer? Wer entscheidet das? Kann man verhindern, dass unter den Menschen, die einen neuen Lebensort brauchen und aufsuchen, auch solche sind, deren Verhalten nicht den ortsüblichen Normen entspricht? Wer vermittelt diese Normen und wie?

Und entscheidet man, wenn man über gut und schlecht befindet, dann zugleich auch über den Wert des Menschen? Die guten Menschen sind die angepassten, die in der Wirtschaft gut zu gebrauchen sind. Die anderen werden aussortiert? Wer hätte dazu das Recht?

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es im Grundgesetz. Der Wert eines Menschen ergibt sich nicht aus seiner Leistung, ob groß oder klein, sondern aus seinem Sein als Person. Er ist. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Er ist in diesem Sein nicht unbegrenzt frei. Neben ihm sind andere mit eben dieser Würde. An dieser Grenze endet seine Freiheit. Aber seine eigene Würde bleibt davon unberührt. Sie ist. Niemand kann sie dem Menschen nehmen.

Damit nahmen die Gründungsväter und -mütter einen zutiefst religiösen Gedanken auf, der Glaubenden damals und wohl auch heute oft aus dem Blick gerät: Das Geschenk Gottes an den Menschen ist sein Sein. Er ist geschaffen und gewollt. Nicht einer mehr als die andere. Sondern jeder mit seinen Möglichkeiten und Grenzen. Und damit jeder auf Augenhöhe. Das gilt. Es gilt in Wien und Moskau, in Leipzig und Tokio, in Paris und Nairobi. Es kommt darauf an, dies mit den eigenen Möglichkeiten mit Leben zu füllen.

Pfarrerin Bettine Reichelt, Kirchgemeinde Holzhausen

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