Respekt tut gut

Vielleicht kennen Sie die Parabel von dem alten Mann, der sich vorschneller Urteile enthalten will. Anthony de Mello hat sie aufgeschrieben und bekannt gemacht. Sie stammt jedoch aus China, und ihre Weisheit ist älter als 2.000 Jahre:

Ein Mann lebte zusammen mit seinem Sohn. Und er besaß ein weißes Pferd. Man bot ihm viel Geld dafür. Vergeblich. Eines Tages war das Pferd nicht mehr im Stall. Das Urteil der Leute stand schnell fest: „Ein Unglück. Hätte er es lieber verkauft.“ Eines Tages kam das Pferd zurück und brachte zwölf wilde Pferde mit. „Was für ein Glück!“, sagten die Leute. Beim Trainieren der Wildpferde brach sich der Sohn ein Bein. „Welch ein Unglück!“, riefen die Leute. „Er ist die Stütze Deines Alters.“ Als ein Krieg ausbrach, wurden alle jungen Männer eingezogen, nur der Sohn mit dem gebrochenen Bein nicht. Das Wehklagen der Leute war groß, und sie sprachen vom „Glück des alten Mannes“. Der Alte aber blieb bei seiner Sicht: „Ob Unglück oder Segen, wer kann das wissen?“

Parabeln wollen ins Nachdenken bringen. Die Geschichte ist der Ausgangspunkt, aber es geht hauptsächlich um den übertragenen Sinn. Natürlich ertappe ich mich selbst auch bei vorschnellen Urteilen. Meistens ärgere ich mich dann über mich, denn die Folgen stellen sich für gewöhnlich schnell ein: Das Gespräch verebbt oder kommt erst gar nicht zustande. Was gesagt werden müsste, kann nicht mehr gesagt werden. Vor allem aber: Verstehen und Entwicklung bleiben aus.

Die positiven Erfahrungen gibt es auch: Menschen erzählen von sich, wenn sie nicht fürchten müssen, vorschnell beurteilt zu werden. Ich bekomme eine Ahnung von den Zusammenhängen, die ich ja nicht kennen kann. Was Menschen durchmachen, tragen, leisten – das begreife ich erst im Gespräch. Respekt! Das sage ich dann auch.

Die Parabel überlässt letzte Urteile Gott. Sonst würden wir uns als Menschen überheben. Meine Meinung kann ich auch respektvoll sagen, und das Recht in einer Gesellschaft ist damit nicht außer Kraft gesetzt. In letzter Zeit erschrecke ich über die Zunahme verletzender Sprache und pauschaler Urteile. Aber, wie so oft im Leben, kann es nicht darum gehen, auf andere zu zeigen, sondern bei mir selbst anzufangen.

Pfarrer Michael Böhme, Seelsorger am Universitätsklinikum Leipzig

Foto: pixabay