Senioren, ich komme…

Diese Worte auf einer Broschüre machten mich neugierig. Ich bin Mitte Sechzig und stelle immer öfter fest, auch wenn man jünger scheinen möchte als das Geburtsdatum ausweist, manches ist mit zunehmenden Alter beschwerlicher. Wird in der Jugend ein zusätzliches Lebensjahres oft herbeigesehnt, kann der Geburtstag im späteren Leben ein Anlass zum „Rückblick“ sein. Auch ich ertappe mich dabei. Oft sind es gute Momente der Erinnerung, welch wunderbaren Weg mich Gott bisher führte.

Mit gemischten Gefühlen beobachte ich, dass sich Werte in unserer Gesellschaft wandeln. Heute sind es die Jungen, die den Alten die Welt zu erklären versuchen, bei Funktionen vom Smartphone bis hin zur Genderideologie. Der sogenannte Generationenvertrag scheint nicht mehr zu funktionieren. Früher war klar, dass arbeitsfähige Menschen die Versorgung der älteren Generation übernahmen – ob in der Familie oder bei den Renten. Das wird heute in Frage gestellt.

Kürzlich las ich: „60 ist die neue 50. Die Rentner der Gegenwart sind nicht die ‚Tattergreise‘ von früher.“ Stimmt! Heute nutzen über 60jährige Facebook und bestellen im online-Handel. Dies birgt aber auch die Gefahr, dass Menschen ihr Alter kaschieren wollen. Unterstützung geben dabei die Medien. Heute nennt sich ein Krankenhaus „Gesundheitszentrum“, ein Pflegeheim „Seniorenresidenz“, die Krankenkasse „Gesundheitskasse“. Gesundheit ist für viele Menschen zum höchsten Gut geworden. Fest steht: Sterben müssen wir trotzdem – mancher sogar bei bester Gesundheit! Bedenklich, dass es in unserem Alltag hingegen kaum Platz für Tränen und Begriffe wie Endlichkeit und Tod gibt – obwohl damit jeder Mensch durchaus Erfahrung macht.

Alt werden geht nicht nur mit körperlichen Einschränkungen einher. Eine Lektion ist Loslassen lernen. Wie viel Hausrat aus der 70 qm Wohnung meiner Mutter in die kleine Stube im Altenheim passt, habe ich im vergangenen Jahr erfahren müssen. Einige Bilder, etwas Kleidung, ein Sessel und ein Schränkchen sowie die Bibel. All das passte in einen Kleintransporter.

Nutzen wir die uns verbleibende Zeit für soziale Kontakte, ein Seniorenstudium oder für ein Hobby. Durch Altersversorgung und optimale medizinische Betreuung abgesichert, sollten wir gelassen darauf vertrauen, dass Gott uns bis ins hohe Alter trägt und dann in seine Ewigkeit bringt.  Ja, liebe Senioren, ich bin angekommen!

Wolfgang Erler, Prädikant der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens

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