Vergessen

Krieg, Terror, Populismus – noch nie gab es so viele Krisen in der Welt, so die aktuelle Diagnose der Konfliktforschung. Wir leben regelrecht in einer Krisenzeit, was sich nicht zuletzt in den regen Auseinandersetzungen über Rechtspopulismus in Europa oder Kampfeinsätze in Syrien auf prominent besetzten TV-Podien oder am sonntäglichen Kaffeetisch wiederspiegelt. Aber irgendetwas fehlt, kommt nahezu nicht vor, weder in privaten Diskussionen noch in öffentlichen Debatten. Ja genau, die größte, sich seit Monaten abzeichnende, humanitäre Katastrophe seit Ende des zweiten Weltkrieges, wie der UN-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien die Situation in Ostafrika betitelte. 20 Millionen Menschen sind vor allem in Somalia, Südsudan, Äthiopien, Nigeria und Kenia unmittelbar vom Hungertod bedroht.

Dass die Staatengemeinschaft nicht einmal die Hälfte der dringend benötigten 4,4 Milliarden Dollar für Nothilfe zugesagt hat, ist die eine Seite der Lage am Horn von Afrika, deren Berichterstattung sich allzu oft vermissen lässt. Die andere ist die vergessene Diskussion über das Spektrum an Ursachen der im Zusammenhang mit ausbleibenden Regenzeiten stehenden Hungersnot: bewaffnete Konflikte, fehlende staatliche Strukturen und besonders die vom Klimawandel befeuerte Dürre, die erst das Vieh und dann die Menschen verhungern lässt. Dass jedoch aus einer Dürre eine Hungersnot wird, ist kein Naturgesetz. Zur Katastrophe wird Trockenheit erst, wenn Klein- und Viehbauern auf Grundnahrungsmittel angewiesen sind, deren Preise aufgrund von Nahrungsmittelspekulationen explodieren oder multinationale Agrarkonzerne, Saatgutmonopole aufbauen, die strukturelle Abhängigkeiten schaffen und nichtkommerzielle, kleinbäuerliche Alternativen vernichten. Verdrängt scheint, dass Kleinbauern und nicht Lebensmittelkonzerne nicht nur die Menschen um den ostafrikanischen Graben, sondern 80% der Weltbevölkerung ernähren.

Ich ermutige daher für das Erinnern an den Beitrag der Kleinbauern zur weltweiten Ernährungssicherheit. Vielleicht kann die offene Würdigung der heutigen, bundesweiten Proteste gegen die geplante Übernahme von Monsanto durch Bayer dem Vergessen der Hungerkrise etwas entgegensetzen.

Doris Kriegel von der Arbeitsstelle Eine Welt, die herzlich einlädt zum Gemeindeabend „Würdiges Gedenken – Grabsteine aus fairer Produktion“ am 4. Mai, 19 Uhr, Auenkirchgemeinde Markkleeberg-Ost

 

 

Foto: Okapia