Was sind Sie eigentlich von Beruf?

Im Krankenhaus liegt es nahe, dass Menschen von ihrer Erkrankung erzählen; von Untersuchungen, Diagnosen und Therapien. Zugleich erzählen sie von dem, was die Krankheit ihnen und ihren Angehörigen zumutet: Ungewissheit zerrt an den Nerven. Eine unfreundliche Reaktion der Pflegenden oder ein Arzt, von dem man sich nicht ernst genommen fühlt, bringt das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen.

Aber es gibt auch das andere: „Der Arzt hat mir die Hand gegeben und sich Zeit genommen, mir alles zu erklären.“ „Die Schwester hat mir das Essen extra nochmal warm gemacht.“ – So ausgeliefert wie im Krankenhaus erleben wir uns als erwachsene Menschen nur selten.

Manchmal stelle ich als Seelsorgerin dann die Frage nach dem Beruf. Ich möchte den Blick auf etwas anderes lenken und erfahren, wofür jemand jahrelang 5 Uhr morgens aufgestanden ist. Ich freue mich über das Leuchten in den Augen, als der Haumeister von seiner Grundschule erzählt und von den Bällen, die unweigerlich immer mal in seinem Garten landen. Viele Menschen erzählen mit Leidenschaft, manche auch mit Traurigkeit von dem, was ihr Leben mit Sinn erfüllt hat: Das Lob des Chefs, dass er sich auf mich verlassen kann. Die früheren Kunden, die einen immer noch auf der Straße ansprechen. – Für viele ist es der Beruf, für andere ist es die Familie oder das Hobby, die einen Menschen im Krankenhausbett plötzlich in einen kompetenten Fachmann oder eine souveräne Managerin von Haushalt, Familie und Arbeit verwandeln.

Beruf kommt von „rufen“. Jeder Mensch hat eine Berufung. Wenn es gut geht, lässt sie sich mit dem Broterwerb und mit den Aufgaben in der Familie verbinden.

Was kann ich besonders gut? Wofür schlägt mein Herz? Wann fühle ich mich sicher und zufrieden? – Wer diesen Fragen nachgeht, macht sich auf die Suche nach der eigenen Berufung und nach dem Sinn des eigenen Lebens.

Für mich als Christin gehört dazu die Frage: Wohin rufst Du, Gott, mich? Was ist meine Aufgabe? Nicht immer ist es das, was ich mir für mein Leben vorgestellt habe. Es kann auch weit weg liegen von den Erwartungen, die andere an mich haben. Ich bin überzeugt, dass meine Berufung nicht endet, wenn ich etwas nicht mehr kann. Sie verändert sich.

Was sind Sie eigentlich von Beruf?

Ulrike Franke, Krankenhausseelsorgerin am Klinikum Sankt Georg

 

Foto: Lotz