„Wer die Wahl hat, hat die Qual!“

Liebe Leserinnen und Leser, ich gehöre noch zu einer Genration, die kannte noch Zeiten, in der es relativ einfach war, sich für etwas zu entscheiden. Es gab faktisch nur zwei Möglichkeiten dafür oder dagegen, kaufe es, oder lass es. Ein dazwischen gab es nicht und wurde meist auch gar nicht erst zugelassen. Doch heute leben wir in einem nahezu unendlichen Pool von Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten. Das fängt schon bei unseren Kindern an, so zum Beispiel, müssen sie sich entscheiden, welche Schule sie besuchen wollen, Gymnasium, Hauptschule oder Mittelschule. Kinder auf den Gymnasien dürfen zum Teil sogar Fächer abwählen, obwohl sie eigentlich zu diesem Zeitpunkt gar nicht richtig abschätzen können, was dies für spätere Folgen für sie hat. Leider, und das ist die Tragik unserer modernen Zeit, lässt dieser Entscheidungsdruck mit dem Erwachsen werden in keinster Weise nach, ganz im Gegenteil!

Da gibt es eine Vielzahl von Ausbildungsmöglichkeiten, vor allem an den Hochschulen und Universitäten. Dort blickt bald niemand mehr so richtig durch, weil man an den einzelnen Studienrichtungen kaum noch erkennen kann, welche Berufsbilder sich wirklich dahinter verbergen. Auch die Urlaubs- und Ferienzeitgestaltungen im späteren Berufsleben entwickeln sich bereits im Vorfeld immer mehr zu einem wahren Wahlmarathon, der eigentlich nur noch begrenzt wird durch unseren Geldbeutel.

Liebe Leserinnen und Leser, mir liegt es wirklich fern, unsere schöne moderne Welt zu verteufeln, allerdings wäre doch einmal die Frage erlaubt: „Wo soll das noch alles hinführen?“ Das Ende vom Lied wäre doch, Stillstand! Wenn wir zu viele Wahlmöglichkeiten haben, werden wir am Ende irgendwann gar nichts mehr entscheiden.

Das ist schon ein Paradox, oder? Wir sind 1989 auf die Straßen gegangen, um Freiheit für uns hier in Ostdeutschland zu erlangen, und sind jetzt erneut in eine neue Unfreiheit der ganz anderen Art hineingeraten. Doch was können wir dagegen tun? Eigentlich ist die Antwort ganz einfach: „Weniger ist mehr!“ Wir müssen nicht auf jeder Hochzeit tanzen. Wir müssen es auch einmal zulassen können, dass wir etwas nicht wissen oder können. Sind wir deswegen Menschen zweiter Klasse? Wenn sich unsere Gesellschaft nur noch von daher definiert, was sie letztlich alles weiß und kann, sind wir nicht mehr reich, sondern eine sehr, sehr arme Gesellschaft geworden!

Kaplan Markus Scholz, Katholische Pfarrei St. Laurentius, Leipzig-Reudnitz

 

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