Wir dürfen nicht vergessen

Er war hier 1925 geboren worden. Er besuchte die Schule und wechselte dann auf das Gymnasium. Er kannte sich aus in seinem Stadtteil. Er war hier zu Hause und fuhr manchmal durch die Stadt mit der Straßenbahn. Er ging gerne ins Kino. Er merkte, dass sich etwas veränderte, obwohl vieles noch normal schien.

Und dann – wurde alles anders. Er fuhr – wie immer – mit dem Fahrrad zur Schule. Er trug sein Fahrrad – wie jeden Morgen – in den Keller und sah, dass kaum ein Rad da war. Dann sagte ihm jemand: Heute ist keine Schule, die Synagoge in der Gottschedstraße brennt, Bamberger und Hertz brennt, und viele Geschäfte haben sie eingeschlagen. So machte er sich selber auf durch seinen Stadtteil – bis zum Hauptbahnhof, um zu schauen, was passierte. Überall lagen Scherben auf der Straße und dann sah er Männer, die Rollen aus dem Fenster warfen – Rollen mit Texten aus der Bibel. Bei seinem Freund angekommen, versteckte er sich mit vielen auf dem Dachboden, denn manche Menschengruppe fing an auch private Wohnungen zu demolieren.

Er konnte sich nicht vorstellen, dass es noch schlimmer werden kann. Mit 13 Jahren wurde er auf dem Friedhof zur Zwangsarbeit verpflichtet. Die Familie musste ihr Zuhause verlassen. 1943 wurde er nach Buchenwald deportiert. Nun war er 10.090 und hatte weiter Zwangsarbeit – in einer Waffenfabrik – zu leisten.

Am 4. April 1945 müssen die Häftlinge nach dem Appell nicht arbeiten. Die Nationalsozialisten planen den Todesmarsch der jüdischen Gefangenen gen Westen. Erste Informationen dazu sickern durch. Viele jüdische Häftlinge reißen sich den Judenstern ab und verstecken sich eine Woche im Lager. Erst am 11. April fliehen die SS-Männer und die Häftlinge beginnen die Führung im Lager zu übernehmen. Um 15 Uhr kommen die Amerikaner und staunen! Wenige Tage später ist er das erste Mal in Weimar.

Nach der Befreiung des KZ Buchenwald durch die Amerikaner kehrt er als einziger Überlebender seiner Familie im Mai 1945 nach Leipzig zurück. Sein Leben lang hat er seine Geschichte erzählt, damit wir lernen können.

(nach den Veröffentlichungen von Rolf Kralovitz)

Heute ist der 27. Januar 2018 – der Gedenktag an die Befreiung des Konzentrationslagers von Auschwitz am 27.1.1945. Rolf Kralovitz wird diesen Tag nie vergessen und wir sollten es ihm gleichtun!

Pfarrerin Angela Langner-Stephan, Kirchgemeinde Lindenau-Plagwitz, Bethanienkirchgemeinde und Taborkirchgemeinde

Foto: Lotz