Gott begegnen, heißt Staunen

Morgen feiern Christen das Fest der Trinität. Es wurde 1334 durch Papst Johannes XXII. in das Kirchenjahr eingeführt. Auch in der evangelischen Kirche hat es seinen festen Platz am Sonntag nach Pfingsten. Will man das Fest erklären, würde ich es als heiliges Staunen bezeichnen. Es werden Gottesdienste gefeiert, die jenem Gott die Ehre geben, der sich nicht in Worte fassen lässt.

Vom Kirchenvater Augustinus (gest. im Jahr 430) wird erzählt, dass er einst am Meer spazieren ging und über das Geheimnis der Dreifaltigkeit nachdachte. Da bemerkte er ein Kind, das mit seinem Eimerchen Wasser aus dem Meer in einen kleinen abgegrenzten Bereich schöpfte. „Was machst du da?“ „Ich möchte das Meer in meinen Teich schöpfen!“ Da lachte Augustinus: „Das wird dir nie gelingen!“ Da richtete sich das Kind auf und sagte: „Ich mache es genauso wie du: Du willst mit deinem kleinen Verstand das Geheimnis des dreieinigen Gottes verstehen!“

Diese Anekdote zeigt die Unmöglichkeit, Gott fassen, begreifen und verstehen zu wollen. Wir können nur staunen. So staunen wir über seine Schöpfung, die trotz wissenschaftlicher Annäherung immer neue Fragen aufwirft. Wir staunen über seine Menschwerdung, die in den Worten und Taten von Jesus bis heute Menschen fasziniert. Und wir staunen über den Heiligen Geist, der uns noch immer bewegt und den Glauben an Gott lebendig hält. In solchem Staunen hat das Glaubensbekenntnis der Christen seinen Grund, das Bekenntnis zu dem dreieinigen Gott. Denn Glauben und Staunen sind miteinander verwandt. In beiden sind wir von etwas ergriffen, das größer ist als wir selbst.

Charles Darwin, der britische Naturforscher des 19. Jahrhunderts, sagte: „Die Unmöglichkeit des Beweisens und Begreifens, dass das großartige, über alle Maßen herrliche Weltall ebenso wie der Mensch zufällig geworden ist, scheint mir das Hauptargument für die Existenz Gottes.“ Anstatt das Welträtsel lösen zu wollen, konnte er heiliges Staunen entfalten. Es ist das Staunen über die Großartigkeit Gottes. Beeindruckend formuliert es Psalm 139: „Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.“

Bernhard Stief, Pfarrer an der Nikolaikirche Leipzig

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Leben braucht Mütterlichkeit

Morgen ist Muttertag. Wieder ist ein Jahr vorbei und wir sollen Blumen für Mutti besorgen. Noch ist es nicht zu spät. Aber wer kam eigentlich auf diese Idee? Die christliche Frauenrechtlerin Anna Marie Jarvis. Am 2. Sonntag im Mai 1907 gedachte sie in ihrer methodistischen Gemeinde ihrer verstorbenen Mutter mit einem Muttergedenktag. 500 weiße Nelken hat sie vor der Kirche verteilen lassen. In der Folge kämpfte sie für einen offiziellen Muttertag. Später hat sie es bereut, denn schnell hat sich der Kommerz, der Blumenhandel, des Tages ermächtigt. Seit 1923 gibt es den Muttertag auch in Deutschland.

Man kann dazu stehen, wie man will. Doch ist Mütterlichkeit ein Grundbaustein unseres Lebens. Der Mensch ist ein extrem bedürftiger Nesthocker, eine biologische Frühgeburt. Er braucht viel Zuwendung, Pflege und Liebe. Ohne elterliche Sorge kann Mensch nicht leben. Mütter sind das Urbild dieser Liebe. Wohl denen, die das so erlebt haben und morgen dankbar an ihre Mutter denken und es ihr zeigen. Dazu muss man nicht zwingend den Kommerz fördern. Nicht nur Blumen, auch ein dankbares Lächeln kann sprechen.

Ein arabisches Sprichwort sagt: „Weil Gott nicht überall sein konnte, schuf er die Mütter.“ Gefällt mir, nur bleibe ich da als Mann außen vor. Können nicht auch Väter mütterlich sein, genauso wie die Frauen und Männer, die selbst keine Kinder haben? Der Männertag ist dafür wahrlich kein Ersatz. Sollte ich mich für das Recht der Männer am Muttertag stark machen? Nein, ich möchte, dass morgen wirklich die Mütter gemeint sind und nicht irgendwie alle. Aber an den anderen Tagen des Lebens gilt es das Mütterliche in uns zu leben, egal ob Mann oder Frau. Eine Psychologin beschreibt Mütterlichkeit als die Fähigkeit, mit dem Kind mitzuschwingen, auf intuitive Weise das Kind zu verstehen, egal, ob es gerade unwohl, wütend oder glücklich ist. Mitschwingen, mit dem Kind oder dem anderen Mensch überhaupt, das ist ein schönes Bild. Mitschwingen, verstehen und verstanden werden. Das tut gut. Das wäre wohl auch im Sinne von Anna Marie Jarvis: Wenn der Muttertag dazu dient, dass wir miteinander ins Schwingen kommen und dadurch Nestwärme erzeugen.

Friedbert Fröhlich, Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche in Leipzig

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