Manchmal singen sie noch …

Die Sonne meint es gut mit uns in diesem Jahr. Zu gut. Sie scheint, fast jeden Tag. Auch wenn es in den letzten Tagen ein bisschen Regen gab. Der Himmel ist fast täglich blau. Ein wunderbares, helles Blau, manchmal mit ein paar Wolken. Manche Wolken haben bizarre Formen. An einigen Tagen gab es einen faszinierenden Kontrast zwischen den dunkel drohenden Wolken, aus denen ich mir Regen erhoffte, und diesem faszinierendem Blau.
Am Abend geht die Sonne in glühendem Rot unter. Sie malt den Himmel bunt. Und wenn man zu dieser Zeit an einem der Seen sitzt und auf das Wasser schaut, spiegelt sich dieser Himmel in einer beinahe spiegelglatten Oberfläche. Zwei Herrlichkeiten.

Dieser Sommer war für viele hart, besonders aber für die Tiere und Pflanzen, für die Bauern, für alle, die auf eine Ernte in unserem milden Klima hofften. Und dieser Sommer war ein Traum für alle, die nicht genug von Sonnenstrahlen und Wärme bekommen konnten. Der Herbst ist die Zeit zu danken: für die Geschenke dieses Sommers, für alles, was er ermöglichte – und auch für alles, was er versagte. Denn auch das zeigt, wie sehr wir manches brauchen, wie angewiesen wir alle darauf sind, dass diese Welt gibt, was sie geben kann.

Es wird vielen Menschen bewusster: wir leben nicht nur aus uns selbst heraus. Es muss mehr geben als das, was uns umgibt. Irgendwoher kommt es. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass es auch in Sachsen an vielen Orten Erntedankfeste gibt – und gerade nicht (nur) in den Kirchen. Es gibt viele Gründe dankbar zu sein. Erstaunlicherweise ist uns das weniger bewusst als Menschen an anderen Orten dieser Welt. Der Blick wird immer wieder von dem fixiert, was nicht gelingt, was fehlt, was das Leben schwer macht.
Ja, das gibt es. Und es wird wahrhaftig nicht alles gut.

Aber zugleich und in diesen Mangel hineinverwoben ist ein unfassbarer Reichtum, den sich keiner von uns selbst nehmen kann. Der einfach da ist. Die Straßenbäume werfen ihre Früchte ab und oft hebt sie keiner auf. Die Büsche im Park, die Brombeerhecken waren voll von Früchten. So voll, dass auch viele erntende Hände sie nicht völlig leer zurückließen. Wir alle sind reich, auch reich beschenkt. Vielleicht nicht alle mit Geld, aber doch mit diesem Leben und seinen Möglichkeiten, die neben den Einschränkungen sind und genutzt werden wollen.

Glaubende sehen darin eine andere Kraft am Wirken, eine segnende, liebende Macht, die das Leben und jeden Einzelnen will. In vielen Erntefesten wird wohl für diese Kraft kein Name genannt werden. Und doch ist sie da. Und wirkt. Und beschenkt. Und wir können mit der Dankbarkeit für all diese Geschenke einen anderen Blick auf das Leben gewinnen: Was auch immer geschieht, es ist dennoch schön und wert zu leben.

Bettine Reichelt, Pfarrerin zur Erteilung von Religionsunterricht im Kirchenbezirk Leipziger Land

 Foto: Warren Wong, unsplash.com

Wir sind Hoffnung. Wir sind Zuflucht. Wir sind Vielfalt. Ja, es funktioniert!

Auf den Plakaten für das Friedensgebet des Stadtökumenekreises zu den diesjährigen interkulturellen Wochen (am 24.9., 17 Uhr in der Nikolaikirche) ist eine deutsche Fahne zu sehen. In die Fahne hineingeschrieben stehen die Sätze: „Wir sind Hoffnung. Wir sind Zuflucht. Wir sind Vielfalt.“ Passt das zusammen? Warum eigentlich nicht?

Sicher gibt es immer wieder laute, prominente und medial sehr stark repräsentierte Stimmen, die versuchen, Migration ausschließlich als Problem darzustellen. Da wird die Integration für gescheitert erklärt. Da wird ein multikulturelles, multireligiöses und friedliches Zusammenleben als reine Utopie hingestellt. Da werden Ängste geschürt und Klischees bedient, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zum Normalzustand erklärt. Und dies geschieht immer vehementer und aggressiver bis hin zur Gewalttätigkeit. Aber wird es dadurch auch wahrer und richtiger?

Was nehmen wir wahr?

In Leipzig, aber auch deutschlandweit betrachtet, waren in den letzten Jahren deutlich mehr Menschen für ein friedliches Zusammenleben und eine offene Gesellschaft auf der Straße als dagegen. Deutschlandweit haben zehntausende Menschen beispielsweise für die Seenotrettung im Mittelmeer demonstriert. Täglich setzen sich viele Menschen für Integration und Flüchtlingshilfe ehrenamtlich oder durch Spenden ein. Statistiken über bestandene Sprachprüfungen, erfolgreiche Ausbildungsplatz- oder Arbeitsplatzsuche, etc. schaffen es selten auf die Titelseiten. Dennoch gibt es da immer wieder viel Positives zu berichten. Alltägliche Dinge, wie gute Nachbarschaften, gewachsene Freundschaften oder bereichernde Begegnungen fallen vollkommen durch das mediale Raster. Dennoch gibt es eine große Mehrheit von Menschen, die in ihrem Alltag immer wieder zeigen, dass es funktioniert: „Wir sind Hoffnung. Wir sind Zuflucht. Wir sind Vielfalt.“ Sie stehen für die Stärke einer offenen Kultur, die auch Probleme bei der Integration angehen und bewältigen kann. Sie sind oft zu leise. Sie greifen keine JournalistInnen an. Sie provozieren nicht durch Hetzparolen. Sie bekommen kaum Besuch von PolitikerInnen, die ihre Sorgen ernst nehmen. Aber sie sind viele und sie sind es wert endlich stärker gehört und gesehen zu werden!

Pfarrer Sebastian Keller, Erlöserkirchgemeinde Thonberg

Foto: unsplash.com

Heimweh nach Heimat

Deutschland hat ein ergänztes Ministerium bekommen: Der Innenminister ist jetzt auch für Heimat zuständig. Der Spott in sozialen Netzwerken folgte prompt. Von heiler Welt, Kitsch und Heimatfilmen war die Rede, vom „Kniefall vor Rechtspopulisten“. Doch Heimatgefühl ist keine Frage von Partei- oder Religionszugehörigkeit. Untersuchungen haben ergeben: Ob liberal, konservativ oder links – mehr als drei Viertel aller Deutschen fühlen sich mit ihrer Heimat verbunden. Niemand kann den Menschen Bilder aus Kopf und Herz löschen, mit denen ihnen die Welt von Kind an begegnet.

Es ist wichtig zu wissen, wo man hingehört. „Man kann an vielen Orten der Welt zu Hause sein, aber man hat nur eine Heimat“ schrieb kürzlich Schauspieler Mario Adorf. Heimat – ein Ort, der einen Ruhepunkt bietet zum Verschnaufen, wenn einem alles zu viel wird. Ist also Heimat die Stadt, in der ich aufgewachsen bin? Omas Pflaumenkuchen im Schrebergarten oder das Bier in der Stammkneipe? Die Arbeitsstelle? Bewährte Freundschaften? Familie? Der Dialekt? Vertrautes und Liebgewonnenes – was auch immer man darunter versteht. Ob nun das „Rennsteiglied“ und „Sing mei Sachse sing“ im Osten (wo es sogar ein Unterrichtsfach „Heimatkunde“ gab) oder „Patrona Bavaria“ bzw. „Heidi“ im Westen – all diese Lieder haben Heimatgefühl vermittelt.

Menschen aus anderen Kulturen kommen in unser Land. Ihre Sprache und Hautfarbe spielen für die meisten Deutschen keine Rolle. Erwartet wird aber Respekt vor dem Vorgefundenen, vor der Arbeit der Alteingesessenen, ihren Empfindungen und Gewohnheiten. Irgendwann werden zumindest die Kinder der neuen Mitbewohner ja Deutschland als ihre Heimat bezeichnen. Vielleicht denken künftige Generationen über Heimat viel großräumiger, benennen damit einen Ort, wo Verbindungen erhalten bleiben und seien sie virtuell im Netz.

Kürzlich bemerkte ein Glaubensbruder: „Bei Gott ist meine Heimat“. Für mich eine völlig neue Interpretation. Ist Zuhause womöglich mehr, nämlich das Verlangen nach heimatlicher Geborgenheit bei Gott? Dann könnte die derzeitige Heimatdiskussion ein Hinweis darauf sein, dass Christen nicht unbedingt einen festen Ort brauchen, sondern da zu Hause sind, wo sie sich von Gott geliebt wissen. Und das ist überall.

Wolfgang Erler, Prädikant der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens

Foto: pixabay.com

Lasst uns ackern!

Im Spätsommer und beginnenden Herbst werden Erntedankfeste angeboten. Früchte des Feldes und des Gartens werden in die Kirchen getragen und schmücken diese festlich-bunt. Die Erde bringt Pflanzen und Früchte hervor. Dafür wird Gott gedankt. Der Ökumenische Tag der Schöpfung, der gestern gefeiert wurde, läutet diese besondere Zeit ein. Gärtner und Bauern wissen: Pro Jahr gibt es eine bestimmte Menge. Ist diese verbraucht, muss auf das nächste Jahr gewartet werden. In diesem Herbst blicken viele auf die lange Hitze- und Trockenperioe im Sommer zurück. Die meisten sprechen über Ernteeinbußen. Die Ressourcen sind begrenzt – reichen aber für alle.

Bereits am 2. August diesen Jahres wurden rechnerisch alle Rohstoffe verbraucht, die innerhalb eines Jahres nachwachsen können. Jeder sieht: Das darf nicht so weitergehen – genauso wenig wie der Verpackungswahnsinn, der kleinste Lebensmittelportionen in nicht recycelbare Folien hüllt. Gesellschaftliches Wachsen und Gedeihen liegt in menschlicher Hand. In unserem Land, in dem die (vor allem extremen) politischen Lager mit immer neuen Meldungen die Medien zutexten und damit für Frust auf die Politik sorgen, gehen die drängenden sachpolitischen Fragen unter.

Der Mensch ist kein Risikofaktor für sachlich gute Politik, aber er wird zunehmend ein Risikofaktor für die Umwelt. Hier braucht es eine höhere Verantwortungsbereitschaft. Die Menschen in diesem Land machen sich Sorgen wegen der zunehmenden Nitratbelastung des Grundwassers, wegen der häufigeren Dürreperioden und Extremwetter und auch wegen der Überlastung der Straßen und Autobahnen durch Transportfahrzeuge.

Verantwortliche Sachpolitik sollte zum bestimmenden Thema in den Medien werden. Sie muss gestalten, wie dieses Land die genannten Herausforderungen bewältigen kann.

In der Bibel heißt es: „Alle eure Sorgen werft auf ihn (Gott), denn er sorgt für euch“ (1. Petrusbrief 5,7). Christlich gedacht kennt Gott das System der Schöpfung und weiß, wie alles aufeinander bezogen ist und einander braucht: In der Natur und in der Gesellschaft. Gott sei Dank wachsen Pflanzen und Früchte – gesellschaftliches Gedeihen in diesem Land liegt in unserer Hand. Lasst uns ackern!

Jörg Sirrenberg, Pfarrer in Leipzig-Marienbrunn

Foto: pixabay.com