„…überwinde das Böse mit Gutem“?

Ist das nur einer von diesen weltfremden Gutmenschen-Sprüchen oder eine hilfreiche Orientierung im Alltag? Am Guten im Menschen zweifle ich, wenn ich Nachrichten höre vom Ausmaß des Geldbetrugs mit Steuern, ausgeführt von Zeitgenossen, denen aus Gier jegliches Moralempfinden verloren gegangen ist. Und doch gibt es auch hier einzelne, die ihrem Gewissen folgen, benennen und aufdecken, was nach ihrer Einsicht und Erkenntnis falsch und unrecht ist. Hut ab vor der unbeirrbaren Sachberaterin, vor den mutigen Journalisten, vor denen, die ihre Arbeit in Verantwortung der gesamten Gesellschaft gegenüber verstehen und ihr Gewissen nicht im Eingangsbereich der Dienststelle abgeben. Sie haben maßgeblich Anteil daran, dass uns das Maß für Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit nicht verloren geht.

Ja, wir brauchen solche Ansagen, solche Ermutigungen. Im Ganzen lautet der Spruch: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Diesen Vers, der dem Guten zutraut, das Böse zu überwinden, schrieb der Apostel Paulus. Er gehört in einen Brief an die neu entstandene Gemeinde von Christen in Rom. Paulus hatte sie selbst nicht gegründet, beriet sie aber in Fragen des gerade mal eine reichliche Generation bestehenden christlichen Glaubens und auch in konkreten Fragen des Miteinanders. Das ist ihm so wichtig, dass er dazu ein ganzes Kapitel seines Briefes verfasst.

Unter anderem schreibt er über das Miteinander in der Gemeinde dieses: „Übt Gastfreundschaft.“, „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“, „Haltet euch nicht selbst für klug.“ Über jeden einzelnen Satz lohnt es sich nachzudenken und darüber ins Gespräch zu kommen, welche Erwartung seine Ansage an uns heute stellt. Denn immer da, wo Werte und Normen des Miteinanders in Frage gestellt werden, ist unsere Gemeinschaft gefährdet. Da bekommt das Böse eine Chance, sich auszubreiten: als Ignoranz der Not anderer gegenüber, als Überheblichkeit, aus Angst wovor auch immer. Demgegenüber steht die uns ebenso mögliche Haltung, Güte zu zeigen: als Aufmerksamkeit dem anderen gegenüber; als Offenheit; als Barmherzigkeit, die doch nichts Außerirdisches ist, sondern nur die schlichte menschliche Haltung, das eigene Mitgefühl wahrzunehmen und tätig zu zeigen.

Jutta Michael, Pfarrstelle Bildungsarbeit am Campus forum thomanum

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„Die Zeit ist kurz.“

Davon kann wohl jeder ein Lied singen. Was wollte man nicht alles noch erledigen? Besonders wenn wichtige Gespräche – warum auch immer – nicht zustande kommen, betrübt dies unser Herz. Es gibt so viele Möglichkeiten in der modernen Welt. Wer möchte da freiwillig verzichten? Aber was bleibt am Ende von unserer Lebenszeit übrig? Welches Ereignis gibt unserem Leben eine tiefere Deutung?

Als der Apostel Paulus diese Worte „Die Zeit ist kurz.“ (1. Korinther 7, 29) schrieb, hatte er nicht unser kurzes Leben im Blick. Vielmehr bewegte ihn wie auch die erste Christenheit die Hoffnung, Jesus Christus kehrt noch zu deren Lebzeiten wieder und lässt ein neues Zeitalter anbrechen.

Die damals erlebte Welt war in erster Linie die Welt der Mächtigen, die den anderen in seinen Lebensmöglichkeiten stark bedrängten. Von diesen innerlichen und äußerlichen Gewalterfahrungen wollten die ersten Christen erlöst sein. Deshalb entwickeln sich im Neuen Testament der Welt abgewandte Haltungen, gerade auch in sexuellen Fragen. Wenn Jesus demnächst wiederkommt, warum sollte man sich dann allzu sehr mit den irdischen Problemen beschäftigen?

Für uns ist heute die Welt vor allem die Schöpfung Gottes. Natürlich geschieht in dieser Welt auch Böses. Das wird auch schon in der Paradieserzählung mit der von Gott geschaffenen Schlange deutlich. Am Ende steht Gott über Gutem und Bösem und vermag auch Böses in Gutes zu verwandeln.

Nun ist die Wiederkunft Christi schon 2000 Jahre ausgeblieben und wird voraussichtlich auch die nächsten 10.000 oder gar 100.000 Jahren ausbleiben. Der Grund hierfür liegt vor allem in der Schöpfung selbst, die noch viel Potential vor sich hat. Es ist höchstens die Frage, in welcher Form Menschen dabei sind und inwieweit diese Menschen auf Jesus Christus vertrauen.

Seine Botschaft von der vergebenden Liebe stiftet immer wieder neues Leben, genauso wie sich auf unserer Erde das Leben auch nach schweren kosmischen Katastrophen weiterentwickelt hat. Da haben Menschen schon eine Verantwortung, diesen Leben stiftenden Gedanken von einer Generation auf die andere zu übertragen.

„Die Zeit ist kurz.“ Wenn wir die Welt als Schöpfung Gottes sehen, so ist sie auch ein Begegnungsort mit Gott. Insofern kann uns jeder noch so kurze Moment in dieser irdischen Welt Einblicke in das Handeln des Schöpfergottes schenken. Dann eröffnen sich zurecht auch Perspektiven über unsere irdische Welt hinaus, die uns einen umfassenden Frieden und eine umfängliche Geborgenheit bei Gott verheißen.

Pfr. Dr. Reinhard Junghans,
Studieninspektor am Evangelischen Studienhaus und Pfarrer der Versöhnungskirchgemeinde in Leipzig

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Geht doch!

Anfang Oktober habe ich Geburtstag. Die Blätter an Bäumen und Sträuchern werden schon vorher herrlich bunt. An manchen Geburtstagen genoss ich die bunte Landschaft vom Zugfenster aus. In diesem Jahr war es anders. Ich vermisste die bunte Vielfalt. Die Bäume waren und sind bis auf Ausnahmen noch grün oder schon braun.
Im Sommer haben viele über den Klimawandel diskutiert. Aber jetzt jubeln wir schon wieder über die sommerlichen Temperaturen. Allerdings könnten uns höhere Preise für manche Lebensmittel, die aufgrund der Trockenheit und Hitze schlecht gewachsen sind, noch lange daran erinnern.
Was hier noch als Klimawandel bezeichnet wird, hat sich vor allem in den Ländern des Südens inzwischen zu einer Klimakatastrophe ausgeweitet. Schwere Dürren in Ostafrika, verheerende Hurrikane in der Karibik und die gigantischen Monsunfluten in Südasien, Ernteausfälle infolge veränderter Niederschlagsmuster, Wasserverknappung und Vegetationsverlusten, die ihre karge Lebensgrundlage schon jetzt bedrohen, sind die Folgen.
Der Weltklimarat hat in dieser Woche seinen Sonderbericht zu den Folgen einer Erderhitzung um 1,5 Grad vorgestellt. Um diese Grenze nicht zu überschreiten, müssen wir radikal den Ausstoß an Treibhausgasen senken. Wir brauchen einen konsequenten Ausstieg aus der Kohleverstromung zusammen mit einer beschleunigten Energiewende, die rapide Senkung des CO2-Ausstoßes im Verkehr und eine nachhaltige Landwirtschaft.
Geht doch! Unter diesem Motto lädt ein ökumenisches Bündnis aus Landeskirchen, Diözesen, christlichen Entwicklungsdiensten, Missionswerken und Umweltverbänden im Vorfeld der 24. Weltklimakonferenz auf den Pilgerweg für Klimagerechtigkeit von Bonn nach Katowice ein. Das Bündnis fordert von den Vertragsstaaten ein verbindliches Regelwerk für die Umsetzung der genannten Ziele, die vor zwei Jahren in Paris verabschiedet wurden. Am 22.10. kommen die Pilgerinnen und Pilger nach Leipzig. Dort werden sie im Friedensgebet in der Nikolaikirche willkommen geheißen. Weiter geht es über 300 km durch Sachsen. Im Gepäck haben Sie viele Alternativen. Es ist besser, jetzt in Klimaschutz zu investieren als nachher Verluste zu beklagen und für Schäden aufkommen zu müssen.

Christine Müller, Arbeitsstelle Eine Welt in der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens

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„Mit dir kann man ja nicht reden!“

„Mit dir kann man ja nicht reden!“ empört sich in einem Beratungsgespräch der Mann über seine Frau. Über die Jahre haben sie das Reden verlernt, bis es am Ende in der Ehe nur noch Streit gab. „Und Du hörst nicht zu!“ kontert die Frau postwendend. Eine verfahrene Situation. Sie gehören zusammen und wollen das nicht aufgeben, deshalb suchen sie Hilfe. Eine Ehe lebendig zu leben, ist manchmal harte Arbeit.

Diese Woche haben wir 28 Jahre Deutsche Einheit gefeiert. Etwas, wofür viele Christen lange Zeit gebetet und gekämpft haben. Und als es dann geschah, war es wie ein Wunder und das ist es bis heute. Die Dankbarkeit für dieses Wunder darf uns nicht abhanden kommen. Doch leider hängt in diesem Jahr über dem großen Fest ein großer Schatten. Streit und Uneinigkeit übertönen die Lieder der Dankbarkeit. Statt zu feiern, streiten wir. Feindselig stehen sich Gruppen, Parteien und Initiativen gegenüber. „Wir werden niemals einen Feind los, indem wir Hass mit Hass beantworten. Wir werden den Feind los, indem wir die Feindschaft loswerden.“ Das sagte Martin Luther King einmal zu seinen Mitstreitern im Kampf um Bürgerrechte für Schwarze in den USA.

„Kriegen wir die Kurve?“, frage ich mich manchmal. Mir fällt ein Bibelvers aus den Psalmen ein: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Auch über Mauern, die wir in unserer Gesellschaft wahrnehmen? Gottes Traum vom Leben ist der Schalom: Menschen sind gesund, leben in Sicherheit, sind versöhnt mit sich und untereinander, erleben innere und äußere Ruhe und Frieden, sind frei. Das ist auch mein Traum und er ist keine Utopie. Die Sehnsucht danach steckt in jeder und jedem von uns. Um große Herausforderungen zu meistern, brauchen wir deshalb alle Menschen, Meinungen, Ideen und Hoffnungen, Ängste und Sorgen. All das muss auf den Tisch, auf einen möglichst runden, an dem offen und ehrlich miteinander gestritten wird und dann – allmählich– verlässt die Feindschaft das Zimmer.

„Danke, dass Sie uns geholfen haben, wieder miteinander zu reden.“ , so verabschiedete sich das Ehepaar am Ende einer Reihe von Beratungsgesprächen. Einheit in der Ehe ist ein Geschenk und sie ist es wert, darum zu kämpfen. Das gilt auch für ein ganzes Land. Im Kleinen fängt es an und setzt sich im Großen fort. Reden wir miteinander.

Pastor André Krause, Baptisten-Leipzig

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