Die Unterbrechung der Unterbrechung

Am Sonntag wird nicht gefastet. Jedes Jahr aufs Neue bekomme ich mit diesem Spruch ungläubige
Gesichter zu sehen. Denn selbst bei solchen Mitmenschen, die von anderen als streng religiös
eingestuft werden, hat sich das noch nicht vollständig herumgesprochen. Manche von ihnen
empfinden das sogar als Verrat an ihren Bemühungen, in dieser Zeit bis Ostern auf Gewohntes, das
sie in Beschlag nimmt, zu verzichten und ihr alltägliches Leben zu unterbrechen und neu
auszurichten.

Nur wenn wir die die Sonntage nicht mitzählen, kommen wir von Aschermittwoch bis zu den
Feiertagen um Ostern auf die heiligen 40 Tage. Der Grund für die Ausnahme ist einfach: Jeder
Sonntag ist ein kleines Osterfest. Mir gefällt diese alte Regelung in den kirchlichen Bräuchen
ausgesprochen gut.

Natürlich sind wir nicht nicht dazu angehalten, die Fastenzeit aller sieben Tage durch Exzesse zu
unterbrechen. Diese Unterbrechung der Unterbrechung ist aber in mehrerer Hinsicht gut.
Sie zeigt uns, dass auch dieses religiöse Regelwerk, das das Jahr in verschiedene Zeiten mit
verschiedenen Prägungen und Feier- und Gedenktagen einteilt, keineswegs Unmenschliches von
uns verlangt, also z.B. keinen „religiösen Hochleistungssport“. Das alles ist für den Menschen da –
und in meinen Augen dadurch sehr sympathisch. Jesus hat es so formuliert: „Der Sabbat ist für den
Menschen da.“ Und so ist es auch mit dem Lauf des Jahres in der Kirche.

Weiterhin zeigt es uns auf, worum es bei dem, was wir Fasten nennen, eigentlich geht. Es geht um
eine Neuausrichtung unseres Lebens auf das wichtigste Ereignis für Christen: Es geht um Leiden,
Sterben und Auferstehung Jesu, um die Hoffnung und Zuversicht, die uns daraus erwächst. Das
dürfen wir bei all dem, was wir tun, auf keinen Fall aus den Augen verlieren.

Für mich folgt daraus aber noch etwas Wichtiges für die Zeiten außerhalb von Fastenzeit und
Osterzeit, also für die normalen Zeiten. Der Sonntag ist für alle, die sich Christen nennen, eine
Aufgabe. Wenn Arbeit, Konsum und all die anderen Dinge des Alltags uns die Sicht oder den Atem
nehmen, dann sollen wir uns spätestens an jedem Sonntag an das Geschehen von Ostern erinnern
und neu darauf ausrichten. Im ganzen Jahr.

Stephan Radig, Katholischer Theologe und Journalist

Foto: unsplash.com

Benötigt der Glaube Wunder?

Die Wunder der Natur lösen in uns eine erhabene Stimmung aus. Unerwartete Glücksmomente erfreuen unser Herz. Werdendes Leben wird von Eltern als unübertroffenes Wunder wahrgenommen. Ohne erlebte Wunder wäre doch unser Leben ziemlich fade.

Die Bibel ist voller wunderbarer Geschichten, die auch als Wundergeschichten erzählt werden. Mitunter wird dem Leser indirekt nahe gelegt, Gott könne die Naturgesetze außer Kraft setzen und somit das unerwartete, wundervolle Ereignis hervorrufen.

Die Sehnsucht der Menschen nach Wundern ist groß. So wird der Wunsch nach Wundern auch an Jesus herangetragen (Johannes 4, 46-53). Oft erfüllt Jesus diesen Wunsch, obwohl er ihn skeptisch für den Glauben sieht (Markus 8, 10-12). Andererseits sehen die Evangelisten in den Wundern Jesu auch seine göttliche Vollmacht (Markus 2, 6-12; 11, 27-33). Die Frage, inwieweit Gott in den Wundern Jesu gehandelt hat, werden die Menschen unterschiedlich beantworten. Jedenfalls erzeugt ein Wunder nicht automatisch eine Glaubensbiographie (Markus 6, 1-6).

Im Alten Testament heben die biblischen Zeugen insbesondere hervor, der Bund Gottes ist ewig (Psalm 105, 7-10). Gott hält sich an seine Gebote und Gesetze, selbst wenn sich die Menschen von Gott abwenden.

Warum sollte dann Gott seine von ihm geschaffenen Naturgesetze außer Kraft setzen? Dafür gibt es keinen plausiblen Grund. Ein solches Handeln Gottes könnte schnell als Willkür erscheinen. Dann wäre dem Menschen kaum noch zu vermitteln, warum er sich an die Gebote Gottes halten soll.

Die ewige Dimension der Gebote Gottes bedeutet jedoch nicht, sie sind völlig unflexibel und starr. Die Wahrheit Gottes entwickelt sich besonders im Vollzug seiner Barmherzigkeit.

Unser Glaube hat die Sehnsucht, durch ein Wunder die Richtigkeit des eigenen Glaubens zu erbringen und vielleicht sogar zu beweisen. Jedoch wird das Wunder des gelebten Glaubens von nachhaltigerer Wirkung sein, als es spektakuläre Ereignisse vermögen.

Wenn gelebter Glaube dort mit Liebe weitermacht, wo das wahrhaftige Leben zu Ende gehen droht, wo neue Lebensmöglichkeiten erschlossen werden, wo sich Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung entwickeln, da geschieht das eigentliche Wunder des Lebens. Dann werden das Leid, der Tod, das Böse in dieser Welt nicht das letzte Wort haben, sondern die gelebte Liebe wird neues sinnerfülltes Leben stiften. Dazu lädt uns der christliche Glaube ein, uns diesem Wunder des Lebens und des Glaubens aufmerksam zu öffnen.

Pfr. Dr. Reinhard Junghans, Studieninspektor am Evangelischen Studienhaus Leipzig

Foto: Pixabay

Fasten braucht kein Miesepeter-Gesicht

Wer jetzt während der Fastenzeit auf etwas verzichtet, hat bis Ostern noch fünf Wochen vor sich. Und für manche wird es irgendwann so richtig hart ohne Süßes, ohne Fleisch oder Alkohol oder ohne Social Media. Und vielleicht erzählen Sie Kollegen und Freunden Tag für Tag von Ihrem Fastenprojekt oder stöhnen ihnen manchmal auch was vor: Ach, wie ich dich um dein Schoko-Törtchen beneide – aber ich faste ja!!!

Solche Leute, die ihr Fasten mit extra miesepetrigem Gesicht zur Schau trugen, die gab es schon zu biblischen Zeiten – und Jesus ärgerte sich über sie: Je mehr Selbstkasteiung durch Fasten, je mieser drauf, desto gottgefälliger? Nein, so eine fromme Angeberei ist nur was für Heuchler, fand Jesus: Macht euer Fasten mit Gott aus, pflegt euch besonders für den Umgang mit Gott – aber nervt nicht eure Mitmenschen damit!

So ganz ist das wohl nicht zu machen – Fasten, ohne dass es jemand mitbekommt! Manchmal müssen Sie es ja schon aus rein praktischen Gründen erklären, dass sie mittags nicht mit zur Bratwurstbude kommen, warum sie abends in der Kneipe Apfelschorle statt Bier trinken, oder wegen Internet-Verzicht für Ihre Facebook-Freunde nicht erreichbar sind.

Und es kann sein, dass Sie ihre Erfahrungen mit jemandem teilen wollen: Welche vegetarischen Rezepte Sie ausprobieren, wie es funktioniert, beim Einkaufen Plastik zu vermeiden (oder auch nicht), oder auch: was Sie in Fastengruppen erleben oder bei Glaubens-Übungen, die manche Kirchgemeinden in der Fastenzeit anbieten. Problematisch wird es, wenn da mitschwingt: Ich bin besser als du: weil ich nämlich faste!

Dabei soll Fasten durchaus auch was mit anderen Menschen zu tun haben. Verzicht zu üben, Gewohntes auf dem Prüfstand zu stellen, herauszufinden, was wirklich wichtig ist – das alles soll mehr sein als eine Wellness-Übung für Leib und Seele. Dafür nennt die Bibel Beispiele. Gott gefällt es, wenn Fasten zur Gerechtigkeit beiträgt, sagt der Prophet Jesaja: wenn Menschen andere vom Unrecht befreien, mit den Hungrigen ihr Brot brechen, und wenn sie friedlich miteinander umgehen. Also: wenn es Ihnen und anderen durchs Fasten nicht schlechter geht – sondern besser!

Friederike Ursprung, evangelische Kirchenredakteurin Radio PSR

Grafik: Pfeffer

„Das ist ein Fasten, wie ich es liebe…“

Am Aschermittwoch  ist nicht alles vorbei, sondern der Beginn für neues Leben. Doch zunächst wird vielerorts am Aschermittwoch das Zeichen des Aschekreuzes auf die Stirn gezeichnet und dazu die Worte: „Gedenke Mensch du bist Staub und zu Staub kehrst du zurück.“

Asche ist Abfall, schmutzig, scheinbar wertlos. Asche steht auch für die Vergänglichkeit. Asche ist aber mehr, man kann damit reinigen und polieren und im Garten ist Asche ein Düngemittel. Asche unterstützt somit Wachstum und Leben. Und aus Asche erhebt sich der Sage nach der Vogel Phönix zu neuen Leben. Sprichwörtlich, wie Phönix aus der Asche beginnt neues Leben.

Wir Menschen leben in Spannungen und Gegensätzen, nach der Faschingszeit ist Fastenzeit, eine Zeit nicht nur, um in Sack und Asche zu gehen, sondern auch ist sie eine Zeit der Umkehr und Erneuerung. In der Bibel, bei Jesaja 58,6-8 wird der Sinn des Fastens so beschrieben:„Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die Obdachlosen und Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.“

Fastenzeit ist somit viel mehr, als auf Essen und Trinken zu verzichten, es ist eine Zeit der Erneuerung. Es ist eine Zeit, gewohnte und eingefahrene Wege zu verlassen. Viele Ratgeber geben uns dazu Anregungen: Zeit verschenken, Zeit in der Natur verbringen und die Schöpfung beobachten, sich über die kleinen Dinge des Alltags freuen, Freude verschenken, weniger Essen und Trinken, Verzicht auf Auto und Fernsehen und den Umgang mit Handy und Smartphone, Verzicht auf Rechthaberei und Schimpfworte, Verzicht auf schlechte Laune, die Haltung der Dankbarkeit einzuüben.

Die Fastenzeit bedeutet für mich, mein Leben zu reinigen und zu polieren. Es hat etwas von Frühlingserwachen. Und ich liebe den Frühling, wo neues Leben erwacht, wie in der Natur, so auch in mir, ein Hauch von Frühling.

Pater Josef kleine Bornhorst, Dominikanerkloster Leipzig

Foto: pixabay.com