Du hast die Wahl. – Du bist gewählt.

An diesem Sonntag haben wir als Bürgerinnen und Bürger in Sachsen die Wahl. Noch nie waren seit 1989 zu einer solchen Wahl die Parteien so vielfältig und untereinander so verschieden. Wir dürfen entscheiden. Zwei gewichtige Stimmen haben wir.

Als Menschen sind wir gewählt bzw. erwählt von anderen Menschen, von solchen die uns lieben, deren Freundin oder Freund wir sind. Wir werden gewählt, wenn ein anderer Mensch auf uns zukommt und ihre oder seine Stimme an uns richtet, auf uns setzt. Als religiöse Menschen glauben wir zugleich, dass uns Gott gewählt hat; dass er seine Stimme an uns richtet, uns beim Namen ruft. Wir glauben von ihm erwählt oder gar auserwählt zu sein. Im Glauben sehen wir uns als Geschöpf Gottes, als Kind Gottes, als Abbild Gottes oder einfach als Mensch.

Ob nun von Menschen oder von Gott auserwählt, geliebt und angesprochen, als solche sind wir herausgefordert zu antworten und damit Verantwortung zu übernehmen. Mit Würde bekleidet, mit Liebe bedacht, tragen wir die Verantwortung, würdevoll und liebevoll zu leben. Insofern ist diese Wahl am kommenden Sonntag wahrlich keine Qual, sondern eine Antwort, eine Verantwortung.

Jesus hat die guten Regeln für das Leben aus dem Gesetz des Mose einmal so zusammengefasst: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben … und deinen Nächsten wie dich selbst. (Lk 10,27) Diese goldene Regel gilt in nahezu allen Religionen dieser Erde. Für religiöse Menschen ist sie ein Dreischritt: Gott-Mensch-Nächste/r; für nicht Religiöse unter uns ein Zweischritt: Mensch-Mensch. Eins bedingt das andere – geliebt zu werden und zu lieben.

All die großen Worte wie Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung; Menschenwürde, Freiheit und Respekt; Volk, Kultur und Rechtsstaat; Bürgerbeteiligung, Politik und Solidarität haben ihren Kern in der Liebe und im Geliebt-Sein.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht wirklich schwer, eine Wahlentscheidung zu treffen und die beiden Stimmen verantwortlich einzusetzen.

Darum nehmen Sie Ihre Verantwortung wahr und gehen Sie zur Wahl. Wählen Sie, weil Sie auserwählt worden sind von Menschen und von Gott. Antworten Sie mit Ihrer Wahl auf das,  was Ihnen Ihre Erwählung bedeutet.

Pfarrer Dr. Ralf Günther, Michaelis-Friedens-Kirchgemeinde

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Hinauswagen

Die meisten Menschen in Deutschland genießen das Privileg einer unbeschwerten Kindheit. Wir bekommen das Rundum-Paket: auf Papas Schultern klettern, wenn uns die Puste ausgeht, beidbeinig in Schlammpfützen springen, Zuckerwatte und Ketchup-Nudeln.

Damit wir so behütet aufwachsen können, müssen unsere Eltern sich jeden Tag aufs Neue ordentlich ins Zeug legen. Sie sorgen dafür, dass unsere kleine Welt heil bleibt, sie machen die Realität kindgerecht.

Als Kinder spüren wir im Laufe der Zeit ganz deutlich, dass uns Wissen vorenthalten wird, wir nicht alles ausprobieren sollen und nicht auf jede unserer Fragen eine Antwort bekommen. Wenn wir diese Phase in unserer Entwicklung erreicht haben, machen wir schnell vor nichts mehr Halt. Dass unsere Eltern versuchen, jede Gefahrenquelle unschädlich zu machen, noch bevor sie entsteht, ist uns bei weitem nicht so wichtig wie eigene Erfahrungen und der Versuch, bestehende Grenzen auf die Probe zu stellen. Zack! Schon berührt die kleine Handinnenfläche den Rand der heißen Herdplatte. Manche Erlebnisse sind schmerzhafter als andere, und manches hätten wir im Nachhinein lieber nicht wissen wollen.

Doch auch wir haben in einem prägenden Moment erfahren, dass die eigenen Eltern irgendwann nicht mehr da sind, um uns zu beschützen. Dass hinter dem Garten mit den ausladenden Obstbäumen, der uns früher endlos erschien, noch allerhand mehr liegt. Sogar Orte und Menschen, die nicht mal unsere Eltern kennen. Und dass wir all das erkunden können, aber auch, dass die Welt nicht nur mit Zuckerguss überzogen ist.

Mit jedem neuen Lebensjahr werden uns mehr Risiken bewusst. Wir lernen Angst zu haben und uns am wohlsten in vertrauten Gefilden zu fühlen.

Doch ich glaube, gerade dieses kindliche Hinterfragen von jedem klitzekleinen Detail, diese für Eltern oft nervenaufreibende Eigenschaft, gilt es, hinüber zu retten ins Erwachsenen-Dasein.

Gerade wenn man sich bereits eingerichtet hat in seinem Alltag, lohnt es sich, bestehende Denk- und Lebensweisen zu hinterfragen.

Die Freiwilligen des Leipziger Missionswerkes, die an diesem Sonntag in der Nikolaikirche nach Tansania und Indien ausgesendet werden, werden dies erleben – das Hinauswagen und Hinterfragen.

Emilia Stemmler, ehemalige Freiwillige des Leipziger Missionswerkes

Foto: Lehmann

Das Strafregister des Klassenbesten

„Klassenbester war er – und die Rede zum Abitur hat er auf Latein und Griechisch gehalten!“ Das erzählte meine alte Tante stolz von ihrem Vater, von meinem Urgroßvater also. 1890 machte er Abitur an einem renommierten Internat; später wurde er Lehrer – pardon: Studienprofessor! Meine Mutter und ihre Geschwister, seine Enkel, haben ihren Opa als preußisch strengen alten Mann kennengelernt.

Das Internat gibt es immer noch. In den 90er Jahren hat mein Onkel dort mal nach der legendären Abitur-Rede geforscht – doch die Rede von 1890 war nicht im Archiv zu finden. Eine Abitur-Ansprache, die nicht dokumentiert ist? Da muss es wohl mächtig Ärger gegeben haben, meinte der Archivar, der meinem Onkel suchen half: Mal sehen, ob wir im Strafregister fündig werden! Und wie sie fündig wurden: Beim Biertrinken erwischt, beim Rauchen, zu spät vom Spaziergang zurück, heimlich in der Kneipe, Aufsässigkeit, Randale – immer wieder!

Und immer wieder: Unterrichtsverweise, Arrest oder sogar Karzer (also Schulgefängnis), strenge Ermahnungen … Offenbar muss er kurz vor dem Rausschmiss gestanden haben – und doch hat ihm irgendwer noch eine Chance gegeben, vermutlich mehr als einmal. Aus den letzten Monaten vor dem Abitur sind keine Einträge mehr im Strafregister zu finden – er hat sich wohl doch zusammengerissen, schließlich sein Abitur bestanden und als Klassenbester die Rede gehalten. Nach diesen Enthüllungen sah mein Onkel den preußisch-strengen Großvater in ganz anderem Licht. Die alte Tante war gar nicht erfreut, was da über ihren Vater zutage kam.

Hat mein Urgroßvater vor 130 Jahren mehr Unsinn angestellt als manche Schüler heute? Auf jeden Fall muss es damals Menschen gegeben haben, die den undisziplinierten, aufsässigen, manchmal betrunkenen und wohl auch intelligenten Jungen nicht aufgeben wollten, die sich für ihn einsetzten und ihm zutrauten, dass er auf einen guten Weg käme – auch wenn es Mühe und Nerven kostete. War das ein Lehrer? Ein Tutor? Die Eltern, die viele hundert Kilometer entfernt lebten? Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe, es gibt solche Leute auch an Schulen von heute – auch im neuen Schuljahr, das jetzt beginnt.

Friederike Ursprung, Evangelische Kirchenredakteurin Radio PSR

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Freund und Feind

„Meine Feinde reden böse über mich.“ (Psalm 41,6) Wer kennt das nicht: üble Nachrede, Verdrehung von Wahrheiten, Halbwahrheiten. Dann vielleicht auch noch in den Medien, in der Öffentlichkeit. Wenn einmal solches Reden in der Öffentlichkeit ist, kann man es nicht mehr löschen, nicht mehr zurückholen. Solches Reden bleibt an dem Beschuldigten haften, selbst wenn sich später herausstellt: Es stimmt nicht. Oder: Es ist ganz anders, als wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wurde.

Und dann kommt das Schlimmste. „Auch mein Freund, dem ich vertraute.“ (Psalm 41,9) – der Freund aus Kindertagen, der freundliche Nachbar, eine Glaubensschwester oder ein Glaubensbruder, ein Mitglied aus der eigenen Familie. Das ist bitter: Nicht nur üble Nachrede, sondern auch noch Vertrauensmissbrauch – das Ende einer vertrauensvollen Beziehung, die nur schwer wieder aufgebaut werden kann. Selbst durch Kirchenzeitungen und kirchliche Autoren kann so etwas alles passieren. Ja, der Feind sitzt manchmal in den eigenen Reihen.

Von meinem Gemeinschaftsgründer, dem Heiligen Philipp Neri, ist beispielsweise eine Episode überliefert. Philipp Neri begleitet einen Freund und Beichtkind zum Galgen. Er war wirklich ein Räuber, und wegen seiner Verbrechen wurde er auch zu Recht verurteilt. „Sag mal, Vater Philipp, warum hat der Teufel gerade mich ausgewählt?“, darauf Philipp Neri: „Weil Du der Beste bist“.

Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Bösen, in der Auseinandersetzung mit dem Feind dürfen wir auf die Hilfe und die Begleitung eines gnädigen Gottes hoffen. Das wusste auch schon der Beter im Psalm 41: „Du aber Herr, sei mir gnädig, richte mich auf.“ (Psalm 41,11)

Ich kann Zuversicht bekommen, Hoffnung, und auch unvermittelt Kraft durch Menschen, die ich als Helferinnen und Helfer gar nicht erwartet habe. Manchmal fallen mir sogar Worte oder Aktionen ein, die mir einen Weg aus der Bedrängnis aufzeigen. Schau ich nun auf diesen Psalm, dann scheint mir eins aber sehr wichtig: Das Gebet. Ich muss alles im Gebet vor Gott bringen, alles – auch den vermeintlichen Feind. Und ich schau auf unseren Herrn Jesus Christus, der einmal gesagt hat: „Liebet eure Feinde, betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44).

Für Jesus Christus ist aber auch der Feind ein Dämon oder letztlich der Teufel. Diesen hat er bekämpft, Dämonen hat er ausgetrieben. Ja, den Teufel oder die Dämonen oder einfach das Böse in einem Menschen – das sollte man bekämpfen, niemals jedoch den Menschen.

Pfarrer Thomas Bohne, Pfarrei St. Philipp Neri in Leipzig-West

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