Darum Segenswünsche!

Segensrituale und Segenshandlungen sind mehr in unserem christlich-abendländischen Denken verwurzelt, als uns bewusst ist. Zum Geburtstag, bei Abschied und Neuanfang, an Krisen- oder Schnittpunkten unseres Lebens wünschen Christen einander „Glück und Segen“: Wir reden von der Einsegnung bei der Konfirmation und der Aussegnung bei der Bestattung.

Es gab eine Zeit, da war der Segensspruch für mich etwas in Routine verflacht, bis ich bei einem Biker-Gottesdienst Zeuge eines Gesprächs wurde. Eine Gruppe von Motorradfahrern verabredete, dass sie vor dem Ende des Gottesdienstes Richtung Heimat fahren wollten. Einer erhob Einspruch: „Es ist wegen des Segens. Ohne den fahr ich nicht. Erst dann habe ich das Gefühl, dass mich – mehr als Helm und Kombi – etwas schützt.“ Diese Worte haben sich in mir festgesetzt.

Der Ursprung des Segens kommt von Gott. Von ihm geht Zusicherung von Schutz und Bewahrung aus. Segen darf jeder für andere erbitten, aber auch zusprechen. „Gesegneten Sonntag“ bedeutet mehr als „ein schönes Wochenende“. Ein Reisesegen beschützt uns sicherer als „Hals- und Beinbruch“.

Viel Glück! Viel Gesundheit! Das sind die typischen Wünsche, die wir anderen mit auf den Weg geben. Ich wünsche „Gottes Segen“ – auch denjenigen, die nicht gläubig sind. Für mich beinhaltet das mehr als andere Wünsche. Wer segnet schafft eine Atmosphäre des Wohlergehens und der Heilung. In diesem Sinne auch Ihnen Gottes Segen!

von Wolfgang Erler, Prädikant in der Kirchgemeinde Plaußig-Hohenheida

 

Foto: epd bild/Jens Schulze

einfach so – einfach da

Menschen haben Durst. Menschen wollen mehr. Sie wollen immer höher und immer weiter. Auch ich bin ein Teil davon. Die Bibel erzählt in märchenhaften Bildern, was passiert, wenn Menschen zu hoch hinauswollen. Sie bauen einen Turm bis hinauf in den Himmel. Sie wollen so sein wie Gott, wollen Macht wie er. Heute wissen wir, dass Gott auf den Wolken keinen festen Wohnsitz hat. Doch Türme bauen wir immer noch. Wir wollen Gott spielen, wenn wir eingreifen in den Bauplan des Lebens, wenn wir Urteile fällen über Menschen, die anders sind. Wir pflegen eine grenzenlose Wachstums- und Fortschrittsideologie. In der Bibel setzt Gott dem eine Grenze. Er zerstreut die Menschen über die ganze Erde und verwirrt ihre Sprache. Diese Konsequenz schmerzt jeden Tag: Missverständnis und Missachtung, Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung, Leugnung und Lüge.

Pfingsten hingegen feiern wir den Geist neuen Verstehens. Pfingsten versöhnt Gott, was beim Turmbau in die Brüche ging. Er schenkt Anerkennung und Wertschätzung, heilsame Begrenzung, Teilhabe und Gerechtigkeit. Dieser gute Geist könnte auch jetzt sehr hilfreich sein, wenn wir gestalten, mit Corona zu leben. Im Geist Gottes verstehen Menschen einander neu und müssen nicht werden, was oder wer sie gar nicht sind. Jetzt dürfen wir einfach Mensch sein. Du darfst sein. Ich darf sein, was und wer ich bin – einfach so, einfach da!

von Dr. Ralf Günther, Pfarrer der Michaelis-Friedens-Kirchgemeinde Leipzig

 

Foto: Lehmann

„schaut hin“

„schaut hin“ – das ist das Leitwort des 3. Ökumenischen Kirchentages. Auf analoge Begegnungen vom 13.-16. Mai in Frankfurt hatte ich mich gefreut. Diesmal ist das ANSCHAUEN reduziert. Ein digitaler Kirchentag, der uns aber nicht zu Zuschauern vor den Bildschirmen reduzieren will.

Das biblische Losungswort aus dem Markusevangelium fordert auf, aktiv zu werden. In der biblischen Geschichte dazu wird von der Speisung der Vielen gesprochen (Markus 6, 38) und davon, wie die Augen geöffnet werden: Jesus sieht den Hunger der Menschen, die ihm lange zugehört haben, die Jünger:innen suchen und sehen die Ressourcen, die da sind und alle gemeinsam sehen, dass es nicht reichen wird. Mit Gottes Hilfe werden dennoch alle satt.

Schaut hin! Jedes Augenöffnen und Schauen bleibt nicht bei sich. Ändert sich die Blickrichtung, dann ändert sich das Handeln. Jeder neue Blick verändert die Welt. Wie nehmen wir die Welt wahr und den Ort, wo wir leben? Wie nehmen wir unsere Mitmenschen wahr? Sehen wir sie? Wie urteilen und handeln wir? Was sehen oder übersehen wir? Welche Perspektive nehmen wir ein und wessen Blick halten wir stand oder weichen wir aus? Wem wollen wir die Augen öffnen? Von wem wollen wir unsere Perspektive verändern lassen?

Zu diesen Fragen werden wir ermutigt – nicht nur auf einem digitalen Kirchentag. Diese Fragen gehören mitten in unser Leben – nach Leipzig und darüber hinaus. Schaut hin, weitet euern Blick! Dazu lädt Jesus ein.

von Pfarrer Enno Haaks, Generalsekretär des GAW

 

Foto: Schwerdtle

„Eigentlich“ und „normalerweise“: Wenn Corona unsere Pläne durchkreuzt …

Eigentlich würde unsere Familie an diesem Wochenende ein großes Fest feiern: den 80. meines Onkels. Normalerweise reist da die ganze Sippe aus allen Ecken des Landes an – Neffen und Nichten, Kind und Kegel, Enkel und Urenkel …! Wir würden gut essen und trinken, es gäbe ein selbstgebautes Kulturprogramm und nachts, bevor das Taxi einen nach Hause kutschiert, lägen wir uns in den Armen, um uns gegenseitig zu versichern: Das sollten wir viel, viel häufiger machen, nicht wahr?

Eigentlich. Normalerweise. Würde, hätte, könnte.

Das ist jetzt schon der dritte oder vierte große Anlass, den unsere Familie wegen Corona nicht feiern kann wie üblich (Sie merken, wir feiern gern und viel). Ein weiterer Plan also, durchkreuzt durch diese Pandemie. Natürlich verstehen wir das. Halten wir uns an die Regeln. Sind vernünftig.

Trotzdem fühlt es sich doof an, wenn das, worauf man sich freut und was man sich erhofft, dann nicht stattfinden kann. Ja, Corona ist von Anfang an auch eine Übung in Demut und Geduld. Bei vielen geht es dabei um deutlich Wichtigeres als um Geburtstagspartys: um Existenzen, die Gesundheit und mehr.

Als Christ darf ich aber nach wie vor auf Gott vertrauen: “Gott, viele meiner Pläne werden gerade durchkreuzt. Hilf mir, trotzdem geduldig und zuversichtlich zu bleiben.” Ja, ich baue darauf, dass ich trotz Planänderungen, Krisen und Sorgen auch weiter voller Hoffnung in die Zukunft schauen darf: die nächste zünftige Familienfete kommt bestimmt.

Daniel Heinze, Katholischer Kirchenredakteur bei Radio PSR

 

Foto: Lehmann