Wieder wachsen werden.

Erinnern Sie sich? Sie saßen auf einer Bank und es war Sommer. Neben Ihnen der Mensch, den Sie lieben über alles. Sie hören seine Stimme, spüren die Vertrautheit. Der warme Wind raschelt in den Bäumen. Im Profil betrachten Sie Nase, Lippen, Kinn, die geschwungenen Augenbrauen neben sich. Sie meinen das Antlitz schon ewig zu kennen. Sie möchten es nie wieder hergeben.

Wer weiß, wie lange das her ist. In erinnerte Bilder von großem Glück schleicht sich oft ein wehmütiger Schmerz. Manchmal sticht der schon, wenn die Seele noch hüpft. Ineinander verschlungen sind blühendes Leben und Vergänglichkeit. Darüber wird heute, am „Tag der Geburt des Johannes“, in Andachten auf den Friedhöfen in Sachsen nachgedacht. Ab dem längsten Tag auf dem Höhepunkt des Naturjahres werden die Tage kürzer und die Natur zieht sich wieder zurück.

Diese Beobachtung wird verbunden mit einem Satz Johannes des Täufers, der auf Jesus zeigte und sagte: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Johannes tröstet, dass sich in Jesus, entgegen aller natürlicher Erfahrung, der Tod ins Leben auflösen wird. Heute liegt in jedem Glück bereits ein wenig Abschied und Vergänglichkeit. Ob Sie sich den Garten ansehen oder an die Bank erinnern, einen wertvollen Menschen neben sich. Aber diese beiden, Abschied und Vergänglichkeit, sind nicht für immer.

von Lüder Laskowski, Pfarrstelle für „Kirchliche Arbeit in neuen Stadtquartieren“

 

Foto: Lehmann

Aufstand

Mein Vater hat mir davon erzählt. Ich hab’ es in Geschichtsbüchern gelesen. Aufstand 17. Juni 1953. Menschenmassen auf der Straße in Ostdeutschland zeigen friedlich ihren Unmut. Die sowjetische Besatzung schlägt den Aufstand nieder.

Meine Tochter hat mir davon erzählt. Ich hab’ mich in den sozialen Medien informiert. Juni 1969, Stonewall. Mehrere Transfrauen of Colour widersetzen sich der Polizeigewalt und leiten damit eine Wende in dem Kampf um ihre Anerkennung ein. Das ist der Ursprung des Pride Month. Regenbögen sehen wir aktuell überall als Zeichen dafür.

Mein Konfirmand hat mir davon erzählt. Ich schreibe es auf. Wir hatten in der Bibel die Geschichte vom barmherzigen Samariter gelesen. Der, der als Einziger hilft, als Einer am Boden liegt. Frühjahr 2022, mehrere junge Leute stehen am Brühl und bedrängen ihn, den Jugendlichen. Wollen ihm den Rucksack runterreißen. Niemand hilft. Plötzlich steht der dort sitzende Obdachlose auf und schmeißt sich einfach auf die Angreifenden. Verwirrungsmoment. Der Jugendliche kann wegrennen.

Aufstand für die Demokratie, für die Würde von Menschen, für den Menschen, der es gerade braucht. Mein Vater, meine Tochter und mein Konfirmand haben mir davon erzählt und ich frage mich: Was habe ich zu erzählen?

Grit Markert, Pfarrerin im evangelisch-lutherischen Alesius-Kirchspiel im Leipziger Osten und Coach

 

Foto: Lehmann (gemeindebrief.evangelisch.de)

Bitte nicht stören?

Einer gibt nach einem Freiluft-Gottesdienst im Park das freudige Feedback: „Ist Euch auch aufgefallen, dass die Passanten nicht weggegangen sind? Wir haben sie offensichtlich nicht gestört!“ Ich fange an zu lachen, so dass mir schon die Brille beschlägt. „So weit ist es schon gekommen! Dass wir uns bei Kirche drüber freuen, wenn wir niemanden stören.“

Ist das eine gute Nachricht, wenn Kirche niemanden (mehr) stört? Ehrlich gesagt, halte ich das für eine fatale Bilanz.

Seit 2000 Jahren erinnert Kirche mit ihrem Elefantengedächtnis an ihre radikale Botschaft: Schwerter zu Pflugscharen, das Recht der Armen, Demut vor der Vielfalt in allem, was lebt. Bequemlichkeit und Wohlstand, die sich auf das Elend anderer Menschen und Tiere stützen, sind Sünde. Der zeitlos kategorische Imperativ von Liebe, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung verträgt keine tagespolitische Weichspülung.

Kirche ist der Ort in der Gesellschaft, an dem diese zeitlose Botschaft, die über das Hier und Jetzt hinausweist, weitergesagt wird. Wo, wenn nicht hier?! Kirche ist für mich ein Ort für Trost und mehr noch für die radikale Hoffnung, dass die vorfindliche Wirklichkeit nicht alles ist. Ihre Aufgabe ist es, diese alltägliche Wirklichkeit mit ihrer ewigen Botschaft zu stören. Das brauchen wir dringender denn je.

Anna-Maria Busch, ev. Pfarrerin im Leipziger Südosten

 

Foto: Kirchenbezirk Leipzig