Was du gerne isst – was ich gerne esse

Kartoffelsalat wird erst mit Majo richtig lecker! Nein – Majo im Kartoffelsalat ist absolut verboten!!! Dazu habe ich schon erbitterte Social-Media-Diskussionen auf diversen Plattformen gelesen. Genauso wie über Rosenkohl. Manche genießen ihn im Winter, andere finden ihn absolut unerträglich. Oder Pizza Hawaii mit Ananas drauf – auch so ein Aufreger, bei dem manche kein Einlenken kennen – kein „na ja, geht so“, oder „Okay, wenn’s dir schmeckt – ich muss es ja nicht mögen!“ Sondern: wer es anders mag als ich, liegt falsch. Punkt!

Klar, letztlich bleiben das Schaukämpfe. Nur: Was ist so toll an diesem Spiel mit „Wer Ananas auf die Pizza legt, kann nicht mein Freund sein“? Wenn schon Essensvorlieben zu unüberbrückbarem Streit stilisiert werden, wie soll das erst bei den entscheidenden Fragen sein:
Wie reden wir von verschiedenen Bedürfnissen verschiedener Menschen?
Und natürlich: Was ist richtig oder falsch bei Fragen nach Krieg und Frieden? Und bei der Zukunft von Erde, Lebensgrundlagen und Gerechtigkeit?

Da geht es um Überzeugungen, mit guten Gründen. Und manchmal kommen Sie nicht drumherum, etwas zu schlucken, was nicht so richtig schmeckt.
Vielleicht hilft es ja schon, es anders zu servieren?
Nicht mit „Muss oder darf nicht“, „Friss oder stirb“, sondern auch mit „Wie geht es dir dabei?“
Und: „Mit welchen Zutaten kommt für alle was Genießbares raus?“

von Friederike Ursprung, evangelische Kirchenredakteurin bei Radio PSR

Foto: pixabay

Mensch, Gott, vergiss das bloß nicht!

Langsam füllt sich am 3. Oktober der Leuschnerplatz. Der Beginn der Demonstration verzögert sich. Ich warte, setze mich auf einen Rinnstein. Vor mir flattert eine Regenbogenfahne. Einer hält mit ihr seine Überzeugung hoch. Ohne Worte. Ein Symbol, das hier verstanden wird.

Ich verbinde mit dem Regenbogen die ursprüngliche Erzählung von der Arche Noah. Genauer gesagt, die sie abschließende Zusage Gottes: Diese Welt sei ihm nicht gleichgültig, werde es auch zukünftig nicht werden.

Bei meinem Gebet am Abend bitte ich Gott, dass er dieses Versprechen bloß nicht vergisst: Lass uns um Gottes Willen mit unserem unübersichtlichen Weltgeschehen nicht alleine. Das würde schief gehen. Eigentlich erinnere ich mich selber: Es geht weiter.

Das Regenbogensymbol hält Gott selber hoch. Nicht ich. Mir flattert es beim Beten um die Nase. Lässt mich spüren: immer noch weht da Wind. Das Eintreten für die eigene Überzeugung lohnt. Das Aufrechtgehen bleibt möglich. Eine Zuversicht, dem Optimismus ähnlich. Ich nenn das Glauben.

von Wolfgang Menz, Sozialpädagoge, dem Zuversicht um die Nase weht

 

Foto: Birgit Arndt (fundus-media)

 

Auf Friedhöfen das Leben feiern

“Ich gehe gern auf Friedhöfe”, sagte eine Freundin vor vielen Jahren mal zu mir. Wie seltsam. Seit Kindertagen waren Friedhöfe für mich immer traurige Orte: Ich denke dort an Menschen, die nicht mehr leben, die mir fehlen. Friedhof, das hieß für mich früher immer automatisch auch: Tod, Vergänglichkeit, Ende, Aus.

Lang ist’s her – inzwischen hab auch ich Gefallen an Friedhöfen gefunden und verstehe gut, was Leute wie meine Freundin an ihnen so schätzen.

Auf so einem Friedhof ist es in der Regel angenehm still. Ich kann also wirklich mal zur Ruhe kommen, meinen Gedanken nachhängen, mich an die erinnern, die mir fehlen. Oder über Probleme nachdenken, die mich gerade im Alltag beschäftigen. Dann sind da natürlich die Gräber. Jeder Grabstein steht für ein Leben, eine besondere Geschichte, eine Liebe! Und zu jedem Grab gehören Menschen, die sich an die Verstorbenen erinnern. Die herbstliche Farbenpracht jetzt im goldenen Oktober ist dann noch das Tüpfelchen auf dem i bei so einem Friedhofsbesuch.

Ein Ort, an dem ich Menschen ehre und ihrer gedenke, kann doch kein gruseliger oder nur trauriger Ort sein. Friedhöfe ausschließlich mit Sterben und Tod in Verbindung zu bringen, ist zu wenig. Probieren wir es doch einfach mal aus: jetzt, im Herbst, auf Friedhöfen nicht nur den Tod zu bedenken, sondern … das Leben zu feiern!

Von Daniel Heinze, kath. Kirchenredakteur Radio PSR

 

Foto: Peter Bongard (fundus-media)

„2022 ist nicht 1989 – Wir leben in keiner Diktatur“

Gemeinsame Pressemitteilung der ev.-luth. Gemeinden St. Thomas und St. Nikolai, des Kirchenbezirks und der katholischen Propstei St. Trinitatis

Die Friedliche Revolution im Herbst 1989 ermöglichte den Weg aus der Diktatur in die Demokratie. Wir leben heute in demokratisch begründeten und verfassten Verhältnissen des Rechtsstaates. Dafür sind Bürgerinnen und Bürger damals auf die Straße gegangen und haben die Freiheitsrechte errungen.

Soziale Missstände, ökologische Verwerfungen und eine desolate wirtschaftliche Lage motivierten vor 30 Jahren Bürgerinnen und Bürger, sich für ihre Belange und Interessen einzusetzen. Entscheidend war nicht, etwas von anderen zu verlangen, sondern selbst für die Gemeinschaft einzutreten.

Diesen Leipziger Sinn für gesellschaftlichen Zusammenhalt braucht es heute wieder. Weniger Ich und mehr Wir: Das trägt zum Wohl aller bei!

Die gegenwärtigen Krisen und Herausforderungen zwingen zum Nachdenken, das in ein Umdenken führen wird.

Die ökologische Krise verlangt von uns einen neuen, bescheideneren Lebensstil.

Die ökonomische Krise erfordert ein faires und nachhaltiges Wirtschaften.

Die bedrohte Sicherheitslage der Welt braucht eine Stärkung der Weltgemeinschaft, in der die Würde des Menschen, Freiheit und Gerechtigkeit verteidigt werden.

2022 ist nicht 1989. Aber der Geist von 1989, schier Unmögliches möglich werden zu lassen, gemeinsam stärker zu sein, füreinander einzustehen und den anderen im Blick zu behalten, dieser Geist bewegt auch heute. Stärken wir die demokratische Ordnung, lernen wir nachhaltig und gerechter zu leben!

Leipzig, am 13. Oktober 2022

 

Superintendent Sebastian Feydt, Kirchenbezirk Leipzig
Pfarrer Bernhard Stief, Nikolaikirche
Pfarrer Martin Hundertmark, Thomaskirche
Pfarrerin Britta Taddiken, Thomaskirche
Propst Gregor Giele, Propsteikirche St. Trinitatis

 

Banner 22 ist nicht 89 an der Thomaskirche, Foto: Ev.-Luth. Kirchenbezirk Leipzig

Leben in Fülle?

Seit zwei Jahren lädt die Katholische Kirche im Erzbistum Köln im Oktober zu einem Monat der Dankbarkeit ein. Einen ganzen Monat lang danken? Das provoziert nach den Erfahrungen der vergangenen Zeit bei mir die Frage: wofür? Für Pandemie? Krieg? Die Ungewissheit, wohin das alles führen wird?

Natürlich gibt es Dinge, für die ich immer dankbar sein kann: meine Familie, Gesundheit, Arbeit, Freunde, die Tatsache, dass ich hier leben darf. Und trotzdem holt mich der nächste Einkauf sofort aus dieser Stimmung heraus und verursacht bei mir Sorgenfalten in Anbetracht von Preisentwicklung und Inflation.

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“, so lautet ein Vers aus dem Johannesevangelium, der mich in diesen Tagen nicht loslässt. Noch ein Kontrast zur aktuell erlebten Wirklichkeit. Aber: ich habe ein Leben. Ich erlebe jeden Tag Fülle. Und ich weiß: nichts davon ist selbstverständlich. Es ist mir geschenkt, ich kann es nicht selbst erzeugen. Und genau diese Nicht-Selbstverständlichkeit ist es, die mir in den letzten Monaten viel zu oft aus den Schlagzeilen entgegenspringt.

Wenn ich mir täglich neu ins Bewusstsein rufe, wie mein Leben aussehen würde, wenn all das Gute, was mir selbstverständlich geworden ist, fehlte, dann reicht einen Monat lang danken tatsächlich nicht aus.

von Monika Lesch, Katholische Gemeindereferentin

Foto: Kai G. Fuchs (Fundus)