Ein Wal namens Timmy
Michael Brugger über Mitgefühl
Noch ein Text über Timmy? Noch eine Wortmeldung zum Leiden des jungen Wals in der Ostsee? Seit Wochen informieren Liveticker, Fernsehmeldungen, ganze Seiten in großen Wochenzeitungen über das Schicksal des gestrandeten Riesensäugers. Minister, Wissenschaftler, Schamanin, Influencer – jeder will helfen. Wir Menschen sind so besorgt um den Buckelwal, dass wir ihm sogar einen Namen geben.
Ich frage mich, warum gerade dieser Wal so viel Aufmerksamkeit und Mitgefühl bekommt. Ist es die mediale Verwertbarkeit, sind es die Klicks? Ist es die große Hilflosigkeit, die im Stranden zum Ausdruck kommt? Ist Mitgefühl für Tiere leichter als für Menschen? Warum erregt gerade dieses Tier unsere sorgende Aufmerksamkeit? Warum nicht die vielen anderen, die sich, ebenfalls in unsere Netze verheddert, irgendwo durchs weite Meer kämpfen? Warum nicht die Makrele auf dem Fischbrötchen am Timmendorfer Strand?
Mitgefühl empfinden wir, wenn wir das Gegenüber zu einem von uns machen. Wenn es einen Namen bekommt. Wenn wir das Einzelne im Anderen sehen, in Augen schauen, ein Herz schlagen hören. Dieses Mitgefühl ist eine kostbare Kraft. Wir können nicht mit allen fühlen, das laugt uns aus. Deshalb frage ich mich immer wieder: Wem schenke ich mein Mitgefühl? Und: Wie richten wir unsere Welt so ein, dass wir nicht zu viel davon brauchen?
Michael Brugger ist Krankenhausseelsorger im Klinikum Sankt Georg Leipzig
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Foto: Pixabay



Matthias Möbius



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