Abraham – Vater dreier Weltreligionen

Doch seine Kinder und Enkel streiten sich bis heute um sein Erbe – was für ein weltgeschichtliches Drama!

Juden, Christen und Muslime sind Kinder und Enkel des einen Abraham. Abraham lebte nach biblischer Überlieferung zunächst als Abram in der Stadt Ur am Euphrat in Mesopotamien. Gott der Herr ruft diesen Abram: „Geh fort! Verlass deine Heimat und zieh in ein Land, das ich dir zeigen werde.“ (1. Mose 12,1) Und Abram geht. Er folgt diesem Ruf ohne Zweifel und voller Vertrauen. Gott gibt Abram das Land, in dem später Ismael, Isaak und Jesus geboren werden. Abram nimmt dieses Land nicht kriegerisch in Besitz. Er und seine Familie sind Einwanderer. Sie sind Ausländer in Gottes Land.

Gott macht im Laufe der Zeit aus Abram Abraham und aus seiner Frau Sarai Sarah, indem er einen seiner Buchstaben, das H, in ihre Namen hineinschreibt. So verwandelt Gott eine und einen Niemand in Menschen mit Namen von weltgeschichtlicher Bedeutung.

Bis zum Tode seiner Frau besitzt Abraham kein einziges Stück Land. Erst dann kauft er eine Grabstätte für sie und sich selbst, die Höhle Machpela in Hebron, heute einer der umstrittensten Orte der Welt. An ihrem Grab stehen Isaak und Ismael friedlich beieinander. Wie versöhnlich wäre es, wenn die Nachkommen der beiden dies auch heute könnten.

Dieser Abraham wurde Jahrhunderte später zum Vater dreier Weltreligionen. Er selbst war weder Jude, Christ noch Muslim. Seine Nachkommen beanspruchen ihn jedoch für sich allein und machen den je anderen das Erbe streitig. Dieser blutige Erbschaftsstreit wird heute wohl weniger aus religiösen als vielmehr aus machtpolitischen Gründen geführt.

Über Abraham könnte jedoch der Weg zum Frieden führen. Die Welt braucht so etwas wie einen abrahamischen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen, eine Ökumene der Nachkommen Abrahams. Denn ausnahmslos allen Kindern und Enkeln Abrahams gilt Segen, denn Gott spricht: „Ich will dich segnen … und du sollst ein Segen sein. … In dir sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.“ (1. Mose 12,2+3)

Hoffnungsvolle Zeichen in diese Richtung sind für mich der runde Tisch der Religionen hier in unserer Stadt, sind die Interkulturellen Wochen vom 16. September an, ist das interreligiöse Dankfest auf dem Nordplatz vor der Michaeliskirche an deren Ende am 30. September und war für mich im besonderen eine interreligiöse Mahlfeier im vergangenen Frühjahr.

Pfarrer Dr. Ralf Günther

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