Armutszeugnis

über die aktuellen Kürzungsdebatten

Wir sitzen gemütlich in größerer Runde am Feuer zusammen, als einer fragt: „Kommt Ihr mit auf die Demo gegen die ganzen Kürzungen? Es muss denen klar werden, dass sie damit die soziale Kluft noch mehr erweitern!“ Einer rollt mit den Augen: „Sorry. Ich muss mich am Wochenende um meine Eltern kümmern. Unter der Woche komme ich nicht dazu und die schaffen es nicht mehr allein. Ich sorge im Kleinen für sozialen Zusammenhalt.“ Eine andere wischt sich verstohlen eine Träne weg und sagt leise: „Ich reiße mir als Alleinerziehende beide Beine raus, um Arbeit, Kinder, Haushalt irgendwie gemanagt zu bekommen und bin damit immer am Rande der Überforderung. Ich bekomme gar nicht mehr mit, was eigentlich gerade diskutiert wird.“ Betretenes Schweigen.

Es bleibt ein fahler Nachgeschmack dieses Abends. Die Kürzungen sind ja eben nicht unvermeidlich oder ein Naturgesetz! Die Vermögenswerte der Reichsten haben sich in allen Krisen der letzten Jahre weiter erhöht.

An welcher Stelle gekürzt wird, hängt also offensichtlich auch damit zusammen, wer sich wehren kann und für seine Rechte – oder manchmal sind es viel eher Privilegien – kämpfen kann. Es besteht der Verdacht, dass die Kürzungen eben vor allem genau die betreffen, die keine Kapazitäten dafür haben, weil sie in ihrem Alltag schon die größten Anstrengungen zur sozialen Verantwortung für unsere Gesellschaft übernehmen. Das wäre ein Armutszeugnis.

Anna-Maria Busch ist Stadtjugendpfarrerin in Leipzig
E-Mail an die Autorin schreiben

 

Foto: Pixabay (Thomas Wolter)