Benötigt der Glaube Wunder?

Die Wunder der Natur lösen in uns eine erhabene Stimmung aus. Unerwartete Glücksmomente erfreuen unser Herz. Werdendes Leben wird von Eltern als unübertroffenes Wunder wahrgenommen. Ohne erlebte Wunder wäre doch unser Leben ziemlich fade.

Die Bibel ist voller wunderbarer Geschichten, die auch als Wundergeschichten erzählt werden. Mitunter wird dem Leser indirekt nahe gelegt, Gott könne die Naturgesetze außer Kraft setzen und somit das unerwartete, wundervolle Ereignis hervorrufen.

Die Sehnsucht der Menschen nach Wundern ist groß. So wird der Wunsch nach Wundern auch an Jesus herangetragen (Johannes 4, 46-53). Oft erfüllt Jesus diesen Wunsch, obwohl er ihn skeptisch für den Glauben sieht (Markus 8, 10-12). Andererseits sehen die Evangelisten in den Wundern Jesu auch seine göttliche Vollmacht (Markus 2, 6-12; 11, 27-33). Die Frage, inwieweit Gott in den Wundern Jesu gehandelt hat, werden die Menschen unterschiedlich beantworten. Jedenfalls erzeugt ein Wunder nicht automatisch eine Glaubensbiographie (Markus 6, 1-6).

Im Alten Testament heben die biblischen Zeugen insbesondere hervor, der Bund Gottes ist ewig (Psalm 105, 7-10). Gott hält sich an seine Gebote und Gesetze, selbst wenn sich die Menschen von Gott abwenden.

Warum sollte dann Gott seine von ihm geschaffenen Naturgesetze außer Kraft setzen? Dafür gibt es keinen plausiblen Grund. Ein solches Handeln Gottes könnte schnell als Willkür erscheinen. Dann wäre dem Menschen kaum noch zu vermitteln, warum er sich an die Gebote Gottes halten soll.

Die ewige Dimension der Gebote Gottes bedeutet jedoch nicht, sie sind völlig unflexibel und starr. Die Wahrheit Gottes entwickelt sich besonders im Vollzug seiner Barmherzigkeit.

Unser Glaube hat die Sehnsucht, durch ein Wunder die Richtigkeit des eigenen Glaubens zu erbringen und vielleicht sogar zu beweisen. Jedoch wird das Wunder des gelebten Glaubens von nachhaltigerer Wirkung sein, als es spektakuläre Ereignisse vermögen.

Wenn gelebter Glaube dort mit Liebe weitermacht, wo das wahrhaftige Leben zu Ende gehen droht, wo neue Lebensmöglichkeiten erschlossen werden, wo sich Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung entwickeln, da geschieht das eigentliche Wunder des Lebens. Dann werden das Leid, der Tod, das Böse in dieser Welt nicht das letzte Wort haben, sondern die gelebte Liebe wird neues sinnerfülltes Leben stiften. Dazu lädt uns der christliche Glaube ein, uns diesem Wunder des Lebens und des Glaubens aufmerksam zu öffnen.

Pfr. Dr. Reinhard Junghans, Studieninspektor am Evangelischen Studienhaus Leipzig

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