Besonderes Vorkommnis: Kerze
Von Anna-Maria Busch
Einen Tag zuvor sind die 12, vor allem jungen Erwachsenen aus Minneapolis/USA in Deutschland gelandet. Sie begegnen für gut 2 Wochen jungen Erwachsenen aus Leipzig.
Sie sind eigentlich zu müde, um der Führung durch einen Zeitzeugen in der Nikolaikirche noch gebührend Gehör zu schenken. Der erzählt von 1989 und wie die Stasi in seiner Akte notiert, als er nach dem Friedensgebet eine Kerze aus der Kirche trägt: „Besonderes Vorkommnis: Kerze“. Es wird zum geflügelten Wort unserer Begegnung.
Die amerikanischen Gäste erzählen später von dem vergangenen Winter und den rechtswidrigen Übergriffen von ICE, der amerikanischen Einwanderungspolizei, vor allem auf Menschen mit vermuteter Migrationsgeschichte. Es sind Kerzen in den Fenstern der Nachbarn, die Solidarität zum Ausdruck bringen: Wir sind Hüter und Hüterinnen unserer Mitmenschen. Ein Stück der Furcht kann weichen.
Gemeinsam besuchen wir die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora. Das Grauen und Entsetzen über so viel Barbarei steckt danach allen in den Knochen. Am Abend sitzen wir beisammen. Wir entzünden Kerzen und beten. Trost aber auch Trotz gewinnen über das Gefühl der Ohnmacht die Oberhand.
In den Gesprächen ringen wir darum, was man (politisch organisierter und zunehmend gesellschaftsfähiger) Menschenfeindlichkeit entgegensetzen kann. Die Antworten wirken angesichts der Gewalt irgendwie immer zu klein. Doch – da sind wir uns einig – es wäre ein Fehler jemals die weltverändernde Kraft zu unterschätzen, die ausgeht von Kerzen und Gebeten.
Anna-Maria Busch ist Stadtjugendpfarrerin in Leipzig
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Foto: Canva




