Bitte nicht stören?

Einer gibt nach einem Freiluft-Gottesdienst im Park das freudige Feedback: „Ist Euch auch aufgefallen, dass die Passanten nicht weggegangen sind? Wir haben sie offensichtlich nicht gestört!“ Ich fange an zu lachen, so dass mir schon die Brille beschlägt. „So weit ist es schon gekommen! Dass wir uns bei Kirche drüber freuen, wenn wir niemanden stören.“

Ist das eine gute Nachricht, wenn Kirche niemanden (mehr) stört? Ehrlich gesagt, halte ich das für eine fatale Bilanz.

Seit 2000 Jahren erinnert Kirche mit ihrem Elefantengedächtnis an ihre radikale Botschaft: Schwerter zu Pflugscharen, das Recht der Armen, Demut vor der Vielfalt in allem, was lebt. Bequemlichkeit und Wohlstand, die sich auf das Elend anderer Menschen und Tiere stützen, sind Sünde. Der zeitlos kategorische Imperativ von Liebe, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung verträgt keine tagespolitische Weichspülung.

Kirche ist der Ort in der Gesellschaft, an dem diese zeitlose Botschaft, die über das Hier und Jetzt hinausweist, weitergesagt wird. Wo, wenn nicht hier?! Kirche ist für mich ein Ort für Trost und mehr noch für die radikale Hoffnung, dass die vorfindliche Wirklichkeit nicht alles ist. Ihre Aufgabe ist es, diese alltägliche Wirklichkeit mit ihrer ewigen Botschaft zu stören. Das brauchen wir dringender denn je.

Anna-Maria Busch, ev. Pfarrerin im Leipziger Südosten

 

Foto: Kirchenbezirk Leipzig