Das war mein Jahr

Der Gedanke zum Wochenende: Luise Binder über die Heilsamkeit der Selbstdarstellung

„Liebe Herzensmenschen“, tippe ich irgendwann zwischen den Jahren in meinen Laptop. Und danach pausiert der Cursor auf meinem Bildschirm, wartet blinkend darauf, dass sich meine Gedanken gesammelt haben. Doch die brau-chen noch eine Weile.

Seit einigen Jahren schreibe ich Jahresbriefe. Ich schreibe sie an Menschen, die mich auf unterschiedliche Weise begleiten oder begleitet haben. Die Briefe finden ihren Weg in Briefkästen von Freunden, Bekannten, Verwandten in Nah und Fern. Manche von ihnen sehe und höre ich regelmäßig. Zu anderen wiederum hätte ich ohne diese Briefe gar keinen Kontakt mehr.
Ich schreibe ihnen von meinem letzten Jahr. Teile Erfolge und Biografisches. Aber ich teile auch manche Empfindung, auch Sorgen und Leid des vergangenen Jahres. Und immer wieder mischen sich in mein Schreiben schmerzliche Gedanken: Wen interessiert das eigentlich? Wer wird sich all diese Seiten durchlesen? Dafür hat doch keiner Zeit. Und: Wie unangenehm. Ich schreibe nur von mir. Berichte aus meiner kleinen Welt, beziehe mich auf mich. Ist das schon narzisstisch?

In meinen Jahresbriefen bin ich Expertin, Prominente, Interviewerin und Provokateurin zugleich. Ich schreibe mir mein Jahr buchstäblich von der Seele. Ich bestimme das Thema: Mein Leben. Ich messe mir selbst Bedeutung bei. Und ich finde wieder zu mir. Kann das neue Jahr ganz nah bei mir beginnen.

Getippt, eingetütet, Briefmarke drauf, ab in die Post. Nicht nur meine Briefe wenden sich anderen zu. Auch ich kann mich jetzt wieder auf Äußeres, auf andere, auf Fernes ausrichten. Und fragen: Wie geht es Ihnen?

Luise Binder, Freie Journalistin
Kontakt: kolumne@kirche-leipzig.de

Foto: pixabay