Die beiden Wölfe

Eigentlich bin ich schon ein netter Mensch, meistens. Ich versuche es zumindest. Doch manchmal erschrecke ich über mich selbst. Da vertritt ein guter Bekannter eine für mich abwegige Meinung und was tue ich? Ich schieße ohne Verzögerung zurück, treffsicher genau dorthin, wo es ihm wehtut. Wir schaukeln uns hoch und bewerfen uns mit nicht gerade freundlichen Worten. Ich spüre, wie ich mich ärgere, zunehmend über mich selbst. Ich staune, dass ich auch so un-nett sein kann.

Vielleicht kennen Sie das ja auch und ich bin nicht der Einzige, dem es so ergeht. Eigentlich … . Was ist das bloß? Wieso bin ich doch manchmal so anders, als ich sein möchte? Da fällt mir eine Geschichte ein. Ein Indianerhäuptling erzählt seinem Sohn, dass in jedem Menschen zwei Wölfe kämpfen. Der eine ist böse. Der kämpft voller Ärger, Neid, Eifersucht, Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Der andere Wolf ist gut. Er kämpft voller Liebe, sucht Frieden, zeigt Mitgefühl, ist ehrlich und dankbar. Der Sohn fragt: Und welcher der beiden Wölfe gewinnt den Kampf? Der Häuptling antwortet: Der, den du fütterst.

Das macht mir Mut. Ich bin also nicht hilflos meinen Launen ausgeliefert. Die Frage ist viel mehr, wen ich füttere. Es ist darum gut zu wissen, was die beiden Wölfe so fressen, was sie stark macht. Wir erleben gerade Beides. Die Belastungen der Pandemie können beide Wölfe an den Tag befördern. Wir können es aber beeinflussen. Der, den du fütterst, der wird die Oberhand gewinnen.

Friedbert Fröhlich, Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche in Leipzig

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