Die Unterbrechung der Unterbrechung

Am Sonntag wird nicht gefastet. Jedes Jahr aufs Neue bekomme ich mit diesem Spruch ungläubige
Gesichter zu sehen. Denn selbst bei solchen Mitmenschen, die von anderen als streng religiös
eingestuft werden, hat sich das noch nicht vollständig herumgesprochen. Manche von ihnen
empfinden das sogar als Verrat an ihren Bemühungen, in dieser Zeit bis Ostern auf Gewohntes, das
sie in Beschlag nimmt, zu verzichten und ihr alltägliches Leben zu unterbrechen und neu
auszurichten.

Nur wenn wir die die Sonntage nicht mitzählen, kommen wir von Aschermittwoch bis zu den
Feiertagen um Ostern auf die heiligen 40 Tage. Der Grund für die Ausnahme ist einfach: Jeder
Sonntag ist ein kleines Osterfest. Mir gefällt diese alte Regelung in den kirchlichen Bräuchen
ausgesprochen gut.

Natürlich sind wir nicht nicht dazu angehalten, die Fastenzeit aller sieben Tage durch Exzesse zu
unterbrechen. Diese Unterbrechung der Unterbrechung ist aber in mehrerer Hinsicht gut.
Sie zeigt uns, dass auch dieses religiöse Regelwerk, das das Jahr in verschiedene Zeiten mit
verschiedenen Prägungen und Feier- und Gedenktagen einteilt, keineswegs Unmenschliches von
uns verlangt, also z.B. keinen „religiösen Hochleistungssport“. Das alles ist für den Menschen da –
und in meinen Augen dadurch sehr sympathisch. Jesus hat es so formuliert: „Der Sabbat ist für den
Menschen da.“ Und so ist es auch mit dem Lauf des Jahres in der Kirche.

Weiterhin zeigt es uns auf, worum es bei dem, was wir Fasten nennen, eigentlich geht. Es geht um
eine Neuausrichtung unseres Lebens auf das wichtigste Ereignis für Christen: Es geht um Leiden,
Sterben und Auferstehung Jesu, um die Hoffnung und Zuversicht, die uns daraus erwächst. Das
dürfen wir bei all dem, was wir tun, auf keinen Fall aus den Augen verlieren.

Für mich folgt daraus aber noch etwas Wichtiges für die Zeiten außerhalb von Fastenzeit und
Osterzeit, also für die normalen Zeiten. Der Sonntag ist für alle, die sich Christen nennen, eine
Aufgabe. Wenn Arbeit, Konsum und all die anderen Dinge des Alltags uns die Sicht oder den Atem
nehmen, dann sollen wir uns spätestens an jedem Sonntag an das Geschehen von Ostern erinnern
und neu darauf ausrichten. Im ganzen Jahr.

Stephan Radig, Katholischer Theologe und Journalist

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