Die Verwandlung

Das Dumme ist, es gibt keinen klar beschriebenen Weg. Wenn wir wüssten, wie wir aus unseren Ängsten herauskommen, es würde viel mehr Mut geben. Wenn wir wüssten, wie der Schmerz zu stillen ist, uns wäre um Trost nicht bange. Und dennoch: Irgendwie verwandelt sich Traurigkeit dann doch wieder in Freude. Es scheint ein geheimes Wissen darum zu geben.

Verwandlung: Urgeheimnis des Religiösen, aufbewahrt in unseren Texten und Traditionen.

„Du verwandelst meine Trauer in Freude, du verwandelst meine Ängste in Mut, du verwandelst meine Sorge in Zuversicht, guter Gott, du verwandelst mich!“ heißt es in einem Kirchenlied von Bernd Schlaudt.

Um das zu entdecken, müssen wir die Verwandlungskünstler suchen. Das können Menschen sein, die es verstehen das Herz zu berühren, bewegende Musik, ein berührender Text, oder ein schönes Bild. Es gibt so viele Verwandlungskünste. Ein Psychologe, eine Ärztin, ein Vorgesetzter, eine Freundin, der Ehepartner, sie alle können Verwandlungskünstler werden. Nicht immer sind wir Pfarrerinnen und Pfarrer das. Religion kann auch Angst machen und auf die Grundform des Religiösen, die Verwandlung, hat die Kirche kein Patentrecht. Gottes Geist weht überall dort, wo sich Trauer in Freude, Angst in Mut, Sorge in Zuversicht verwandeln lässt.

Den Weg der Passion Jesu gehen Christinnen und Christen Jahr für Jahr um diese Zeit auf der Suche nach dem Geheimnis der Verwandlung. Im Osterereignis, dem Ziel dieses Weges, verdichtet sich die Grundform des Religiösen, die Verwandlung, wie in einem hoch konzentrierten Extrakt.

Angesichts der vielen Ängste, die unsere Gesellschaft im Moment umtreiben, würde ich mir wünschen, dass es uns besser gelingt, unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger auf den Geschmack des Glaubens zu bringen. Dringend braucht es mehr Verwandlungskünstler*innen. Als Kirche des Wortes allein sind wir vielleicht zu schwach, um in unsere Gesellschaft zu wirken. Vielleicht braucht es einen neuen Schulterschluss, der Ärztinnen und Psychologen, der Künstlerinnen und Musiker, der Pädagogen und Schriftstellerinnen, und aller Menschen, die verstanden haben, wie das Herz berührt wird, damit sich Angst in Hoffnung wandelt.

Pfarrer Christoph Maier,
Bethlehemgemeinde

Foto: pixabay