„Die Zeit ist kurz.“

Davon kann wohl jeder ein Lied singen. Was wollte man nicht alles noch erledigen? Besonders wenn wichtige Gespräche – warum auch immer – nicht zustande kommen, betrübt dies unser Herz. Es gibt so viele Möglichkeiten in der modernen Welt. Wer möchte da freiwillig verzichten? Aber was bleibt am Ende von unserer Lebenszeit übrig? Welches Ereignis gibt unserem Leben eine tiefere Deutung?

Als der Apostel Paulus diese Worte „Die Zeit ist kurz.“ (1. Korinther 7, 29) schrieb, hatte er nicht unser kurzes Leben im Blick. Vielmehr bewegte ihn wie auch die erste Christenheit die Hoffnung, Jesus Christus kehrt noch zu deren Lebzeiten wieder und lässt ein neues Zeitalter anbrechen.

Die damals erlebte Welt war in erster Linie die Welt der Mächtigen, die den anderen in seinen Lebensmöglichkeiten stark bedrängten. Von diesen innerlichen und äußerlichen Gewalterfahrungen wollten die ersten Christen erlöst sein. Deshalb entwickeln sich im Neuen Testament der Welt abgewandte Haltungen, gerade auch in sexuellen Fragen. Wenn Jesus demnächst wiederkommt, warum sollte man sich dann allzu sehr mit den irdischen Problemen beschäftigen?

Für uns ist heute die Welt vor allem die Schöpfung Gottes. Natürlich geschieht in dieser Welt auch Böses. Das wird auch schon in der Paradieserzählung mit der von Gott geschaffenen Schlange deutlich. Am Ende steht Gott über Gutem und Bösem und vermag auch Böses in Gutes zu verwandeln.

Nun ist die Wiederkunft Christi schon 2000 Jahre ausgeblieben und wird voraussichtlich auch die nächsten 10.000 oder gar 100.000 Jahren ausbleiben. Der Grund hierfür liegt vor allem in der Schöpfung selbst, die noch viel Potential vor sich hat. Es ist höchstens die Frage, in welcher Form Menschen dabei sind und inwieweit diese Menschen auf Jesus Christus vertrauen.

Seine Botschaft von der vergebenden Liebe stiftet immer wieder neues Leben, genauso wie sich auf unserer Erde das Leben auch nach schweren kosmischen Katastrophen weiterentwickelt hat. Da haben Menschen schon eine Verantwortung, diesen Leben stiftenden Gedanken von einer Generation auf die andere zu übertragen.

„Die Zeit ist kurz.“ Wenn wir die Welt als Schöpfung Gottes sehen, so ist sie auch ein Begegnungsort mit Gott. Insofern kann uns jeder noch so kurze Moment in dieser irdischen Welt Einblicke in das Handeln des Schöpfergottes schenken. Dann eröffnen sich zurecht auch Perspektiven über unsere irdische Welt hinaus, die uns einen umfassenden Frieden und eine umfängliche Geborgenheit bei Gott verheißen.

Pfr. Dr. Reinhard Junghans,
Studieninspektor am Evangelischen Studienhaus und Pfarrer der Versöhnungskirchgemeinde in Leipzig

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