Die Zunge im Zaum

„Ach hättest du doch den Mund gehalten…“, schießt es mir nach einem Wortgefecht durch den Kopf. Doch was gesagt ist, ist gesagt. Das kann man nicht zurückholen. Wir erleben das immer wieder und überall. Unüberlegte Worte beginnen ihre Wirkung zu entfalten: Es entstehen Gerüchte, aus denen vermeintliche Tatsachen werden. Andere Menschen werden davon beeinflusst, diffamiert, im schlimmsten Fall zerstört – Rufmord.

Es geht nicht: Worte zurückholen und unausgesprochen machen.

„Ach, wenn man doch geschwiegen hätte…“, dann wäre die Freundschaft nicht zerbrochen; dann wäre der Umgang in einer Gemeinschaft nicht von Hass und Misstrauen geprägt; dann wäre es möglich gewesen, dem anderen erst einmal zuzuhören; dann wäre es möglich geworden, miteinander Kompromisse zu finden.

„Ach, wenn man doch geschwiegen hätte…“

Diese Erfahrung machen wir schmerzlicher als alle Generationen vor uns. Denn unsere Worte sind nicht nur gesprochen, sondern geschrieben. Sie sind sofort weltweit verteilt, ewig da und niemals wieder einzufangen. Damit wird Unheil angerichtet, das im Krieg enden kann.

Schon die Menschen der Bibel kannten das, auch ohne Twitter & Co. Ein weiser Mensch sagte (Sprüche 10,19): „Je mehr einer redet, desto leichter versündigt er sich; wer Verstand hat, hält seine Zunge im Zaum.“ Ein kluger Ratschlag. Wir sollten dankbar sein für eine solche Hilfestellung, denn sie schützt auch uns. Denn, ich muss nicht immer sofort rausplauzen, dass ich andere Ansichten nicht zur Kenntnis nehmen will, mich für etwas Besseres halte, dass ich mit einem anderen nun nichts mehr zu tun haben will. Ich könnte einen klugen Mittelweg finden.

Aber es bedeutet auch mit Verstand dort zu reden, wo etwas zu sagen ist.

Nicht zu vergessen, Dinge gerade zu rücken, bei denen Worte Schaden angerichtet haben. Nicht zu feige zu sein, gegen falsche Worte anzukämpfen – ohne zu verletzen, ohne zu diffamieren.

Mit Verstand zu reden – eine gute Herausforderung für die kommende Woche.

Pfarrerin Ines Schmidt, Ev.-Luth. Kirchgemeinde Leipzig-Leutzsch und Flughafenseelsorge Flughafen Leipzig-Halle

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