Eine Frage der Haltung
von Anna-Maria Busch
„Na, Ihr im Osten, wie ist das denn mit der AfD?“ Ich bin mit einigen Kollegen aus Sachsen zur Dienstreise in Stuttgart. Am Ende der Besprechungen kommt geradezu stereotyp immer wieder diese Frage an uns. Als ob einem zum Osten halt nur dieses eine Thema einfällt. Das fängt mit der Zeit an zu nerven.
Doch dann entspinnt sich doch ein Gesprächsfaden über die Gräben in unserer Gesellschaft, die sich hüben wie drüben auftun, und wie sehr uns das alle mit Sorge erfüllt. Wir erzählen von den verschiedenen Aufgaben, die Kirche versucht in diesem Spannungsfeld wahrzunehmen.
An manchen Orten ist und muss sie Schutzraum sein, ein „safer space“. Unverbrüchlich solidarisch mit denen, die aufgrund von Herkunft, Aussehen, religiöser Zugehörigkeit oder sexueller Orientierung ausgegrenzt werden. An anderen Orten dient Kirche als (manchmal einzig verbliebener) Verständigungsort zum Brückenbauen zwischen den verschiedenen Lagern. Aber wie geht das zusammen?
Beidem liegt die Botschaft „Habt Erbarmen“ zugrunde. Mariann Budde predigte es zu Trumps Einführungsgottesdienst. Erbarmen mit denen, die Schutz brauchen. Erbarmen auch mit denen, die ein hartes Herz haben. Allzu oft sind wir ja beides: schutzbedürftig und verletzlich, aber auch hartherzig und urteilend. Diese Einsicht sollte zu einer barmherzigen Haltung führen, die niemandem das Existenzrecht abspricht. Alltäglich wie im Politischen. Da nicken sowohl die Kollegen aus Württemberg als auch aus Sachsen. Wir alle brauchen in all unseren aufgeheizten Debatten vor allem eins: Erbarmen miteinander.
Anna-Maria Busch, Stadtjugendpfarrerin in Leipzig
Foto: Hans-Jörg Ott (fundus-medien.de)




