einfach so – einfach da

Menschen haben Durst. Menschen wollen mehr. Sie wollen immer höher und immer weiter. Auch ich bin ein Teil davon. Die Bibel erzählt in märchenhaften Bildern, was passiert, wenn Menschen zu hoch hinauswollen. Sie bauen einen Turm bis hinauf in den Himmel. Sie wollen so sein wie Gott, wollen Macht wie er. Heute wissen wir, dass Gott auf den Wolken keinen festen Wohnsitz hat. Doch Türme bauen wir immer noch. Wir wollen Gott spielen, wenn wir eingreifen in den Bauplan des Lebens, wenn wir Urteile fällen über Menschen, die anders sind. Wir pflegen eine grenzenlose Wachstums- und Fortschrittsideologie. In der Bibel setzt Gott dem eine Grenze. Er zerstreut die Menschen über die ganze Erde und verwirrt ihre Sprache. Diese Konsequenz schmerzt jeden Tag: Missverständnis und Missachtung, Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung, Leugnung und Lüge.

Pfingsten hingegen feiern wir den Geist neuen Verstehens. Pfingsten versöhnt Gott, was beim Turmbau in die Brüche ging. Er schenkt Anerkennung und Wertschätzung, heilsame Begrenzung, Teilhabe und Gerechtigkeit. Dieser gute Geist könnte auch jetzt sehr hilfreich sein, wenn wir gestalten, mit Corona zu leben. Im Geist Gottes verstehen Menschen einander neu und müssen nicht werden, was oder wer sie gar nicht sind. Jetzt dürfen wir einfach Mensch sein. Du darfst sein. Ich darf sein, was und wer ich bin – einfach so, einfach da!

von Dr. Ralf Günther, Pfarrer der Michaelis-Friedens-Kirchgemeinde Leipzig

 

Foto: Lehmann