Stolperstein in Leipzig

Erinnerung reicht nicht

Von André Krause.

Warum Stolpersteine mehr sind als Mahnmale – und warum ihr Auftrag nicht endet

Vor dem Elternhaus meiner Mutter wurde ein Stolperstein verlegt. Eine intensive Recherche hatte ergeben, dass die vorigen Besitzer Juden waren und in Auschwitz ermordet wurden. Meine Mutter war erschüttert und zugleich dankbar für dieses sichtbare Zeichen der Erinnerung. Der Austausch mit den angereisten Nachfahren der Ermordeten war ein tiefer Moment der Versöhnung.

Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Seit 1996 ist dieser Tag ein nationaler Gedenktag. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog begründete ihn mit dem Hinweis, dass die Stimmen der Überlebenden nach und nach verstummen – und unsere Verantwortung damit wächst. Erinnerung, so Herzog, müsse Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, der Opfer gedenken und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.

Stolpersteine zwingen zum Innehalten, mitten auf dem Gehweg, mitten im Leben. Sie werfen Fragen auf: Wie kann es sein, dass Jüdinnen und Juden heute in unseren Städten wieder Angst haben? Wie konnte die Achtung der Menschenwürde erneut brüchig werden? Warum prägen Hass, Abwertung und Ausgrenzung zunehmend das gesellschaftliche Klima?

Das biblische Gebot: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ ist keine fromme Formel, sondern eine Zumutung: nicht wegzusehen, Verantwortung zu übernehmen, Widerspruch zu wagen. Erinnerung genügt nicht. Sie zeigt erst dann Wirkung, wenn sie mein Handeln verändert. Ich möchte ein Stolperstein sein, der dazu den Anstoß gibt.

André Krause ist Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) Leipzig

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Stolperstein, Foto: Kirchenbezirk Leipzig