Erntedank im Kühlschrank

Wenn Sie ihren Kühlschrank öffnen, geht garantiert das Licht an. Das ist bei jedem so. Doch was Sie dann sehen, wird sich von dem unterscheiden, was andere vor sich haben. Je nach Geschmack. Nun sehe ich selten in Kühlschränke anderer Menschen. Aber manchmal erwische ich mich dabei, wie ich prüfend in die Einkaufskörbe anderer Leute linse. Obwohl ich weiß, wie unangenehm es mir ist, wenn ich solche fremden Blicke auf meinem eigenen Einkauf spüre. Einkaufswagen sind wie Kühlschränke sehr persönliche Orte. In ihnen wird sichtbar, was man für ein Typ ist. Sauber oder leger, Feinschmecker oder rustikal, gegen die Pfunde kämpfend oder dem Süßen erlegen, allein oder in Familie.

„Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“ Dieser Satz aus dem Buch der Psalmen in der Bibel geht davon aus, dass es schon immer irgendwie reichen wird. Es ist auch mitgedacht, dass jeder und jede bekommt, was ihm schmeckt. Ebenso, dass wir mit den Augen essen. Selten war es möglich, einen solchen Satz ganz unbefangen als Tatsachenbeschreibung zu lesen. Wenn wir den Einkauf nicht vergessen haben, wird sich in unserem Kühlschrank immer etwas finden. Das ist in der Geschichte und weiten Teilen der Welt überhaupt nicht selbstverständlich. Einmal im Jahr nicht nur Tür auf und zu, sondern reinsehen, innehalten, staunen und danken wäre gut. In den Kirchen nennt sich diese Unterbrechung „Erntedank“.

von Lüder Laskowski, Pfarrstelle für „Kirchliche Arbeit in neuen Stadtquartieren“

 

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