Frei-Zeit

Bei einer Wanderung kam ich an einem kleinen Kloster vorbei. Dort lud eine Bank zum Verweilen ein. Darüber war ein verrostetes Uhrwerk mit einer Inschrift angebracht: „Hier bleibt die Zeit stehen.“ Es tat mir gut, in die stille Atmosphäre dieses Ortes einzutauchen: Kein Blick auf die Uhr, der mich zu Aufbruch oder Eile mahnt. Niemand will hier etwas von mir – nicht einmal ich selbst. Einfach nur sein, hier und jetzt.

In der Überfülle der äußeren Ansprüche und inneren to-do-Listen sehnen sich viele Menschen nach einer solchen Unterbrechung. Denn nur wenn wir Menschen innehalten, finden wir Halt in uns selbst. Nur wenn wir uns selber spüren, kommen wir dem auf die Spur, was uns wichtig ist. Heute führt freilich bei vielen der Weg direkt aus dem Bett zum Smartphone, um noch schnell die Mails zu checken.

Doch der Mensch braucht auch Zeiten, um „einfach so“ dazusein. Ohne vom einen zum anderen zu jagen. Es lohnt sich, die vielen kleinen Übergänge und Pausen zu entdecken, die der Alltag bereit hält. Solche Zwischenzeiten bergen in sich die Chance, aus dem „Betriebsmodus“ auszusteigen – etwa dadurch, dass ich achtsam wahrnehme, was jetzt ist. Wenn ich mir selbst Aufmerksamkeit schenke, verwandelt sich die verschwendete, vergeudete Zeit in eine geschenkte Zeit, in der ich zu mir kommen kann. Wenn es mir gelingt, solche Momente des Aufatmens zu entdecken, dann kann die Zeit still stehen.

Andreas Knapp, katholischer Priester und freier Schriftsteller

 

Foto: Lotz