Gemeinsam für das Leben

Jesus blickt nicht auf den rechten oder unrechten Glauben des Menschen, sondern auf sein Tun – das ist für mich die Botschaft des Wochenspruchs aus dem Matthäus-Evangelium: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt. 25, 40b). Das Gleichnis vom Himmelreich in Kapitel 25 provoziert mich, die Schubladen „der gehört zu uns“ und „das ist ein Fremder“ zu überwinden. Die tätige Liebe gegenüber demjenigen, der von der Mehrheit ins Abseits gedrängt hungrig und durstig lebt, fremd vor der Tür steht, nackt sein Leben fristet, krank an der Seite liegt und im Gefängnis aus den Augen aus dem Sinn ist – diese tätige Liebe weist den Weg ins Himmelreich.

Der Terroranschlag vom 11. September 2001, der sich vergangene Woche zum 18. Mal jährte, hat unsere Welt verändert. Samuel Huntingtons Buch „Zusammenprall der Zivilisationen“ aus dem Jahr 1996 scheint wie eine Prophezeiung der Zeit nach 2001 zu sein. Allerdings ist mir auch hier mit Bezug auf Friedrich Nietzsche die Erkenntnis wichtig, dass Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft immer einem „politischen“ Zweck, einem ideellen bzw. ideologischen Ziel untergeordnet sind. – Man kann also die vergangenen und gegenwärtigen Konflikte unserer Welt als „Kampf der Kulturen“ (so der deutsche Titel von Huntingtons Buch) verstehen; man kann unsere Welt aber eben auch anders deuten. Die Brille, die wir tragen, bestimmt unsere Wahrnehmung.

In der Leipziger Mission ist die Begegnung von Menschen verschiedener Kulturen und von Angehörigen unterschiedlicher Religionen von Anfang an ein Thema. Früher wurde im Fremden eher der ganz Andere gesehen und als Gegner und Bedrohung verstanden. Heute bildet die Kernaussage der Missionserklärung der Weltchristenheit von 2012 „Gemeinsam für das Leben“ den roten Faden unserer Tätigkeit, gegründet auf vielen Begegnungen mit Menschen aus anderen Welten. Das unterscheidende Kriterium liegt nicht im Glauben oder in der kulturell-kontextuellen Prägung eines Menschen. Sondern Hungrige und Durstige ernähren, Fremde aufnehmen und Nackte kleiden, Kranke und Gefangene besuchen: in diesem Tun „für das Leben“ suchen wir die Kooperation mit hinduistischen, muslimischen, säkularen, jüdischen und allen anderen Menschen.

Ravinder Salooja, Evangelisch-Lutherisches Missionswerk Leipzig e.V.

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