Gnade vor rot
Von Gregor Heidbrink
Fußball war für mich immer schon theologisch interessant. Das lag vor allem an dem Konzept der Tatsachenentscheidung. Das Wort des Schiedsrichters stellte einen neuen Zustand her: manchmal stimmte es mit der kollektiven Wahrnehmung überein, manchmal hatte er Tomaten auf den Augen – aber gleichwohl war es schicksalhaft hinzunehmen. Seit dieser Woche aber ist mein professionelles Interesse an der WM noch einmal auf ein neues Niveau gestiegen.
Donald Trump hat aller Welt bewiesen, dass es möglich ist, sich gegen das Schicksal aufzulehnen. Ein Anruf in der nach Schwefel stinkenden höllischen Zentrale der Fifa und die Rote Karte war vergessen – ganz unabhängig davon, ob sie gerechtfertigt war. Die Tatsache relativierte sich. Gerechtfertigt aber wurde der Sünder, sich aufs Neue im Spiel zu beweisen. Nur Spießer empören sich, ob das gerecht war und welchen Reiz das Spiel des Lebens noch hätte, wenn Regeln eher als Leitlinien zu verstehen sind. Die Botschaft ist vielmehr klar: Der Anruf von Trump sollte uns Mut machen, selbst an den Verhältnissen zu rütteln. So brauchen wir es nicht länger als Tatsache hinzunehmen, dass Arme arm bleiben und Kriege nur durch Aufrüstung zu verhindern sind. Fürchtet euch nicht. Das Schicksal ist noch längst nicht besiegelt. Stattdessen fragen wir uns: Wer kann wohl für mich zum Hörer greifen, und die roten Karten meines Lebens löschen?
Gregor Heidbrink, Missionsdirektor des Diakonischen Werkes Innere Mission Leipzig e.V.
Rote Karte, Foto: KI generiert




